Tegernsee/München – „Seegut“ – so nennt sich ein Luxushotel-Projekt, das am Tegernsee auf dem Gelände der ehemaligen Spielbank und des Hotels Lederer geplant ist: Kommt es wirklich so, vielleicht 2027 oder 2028, dann wäre es ein Meilenstein für den Ort Bad Wiessee. Und es soll noch etwas Großes passieren mit dem See. Er wird möglicherweise zum Vorreiter einer praktischen Form der Energiegewinnung in Bayern.
Wolfgang Spiegl, 52, ist Ingenieur, sein Büro hat er in München. Für die Hotel-Bauherren – die milliardenschweren Biontech-Brüder Strüngmann – plant er die möglichst umweltschonende Energieversorgung der Anlage, die aus mehr als 20 Gebäuden bestehen wird. Seine Vision: „Wir zapfen die riesige Badewanne Tegernsee an.“ Warum, so fragt er, soll man etwa Pellets mit Diesellastern aus der Ferne herkarren, wenn ein Riesen-Potenzial direkt vor der Hotel-Tür liegt? Die Lösung hat einen sperrigen Namen: thermische Seewassernutzung. Das Prinzip ist eigentlich simpel.
Kaum einer kennt sich damit besser aus als der Schweizer Ingenieur Eduard Schiebelbein, 45. Er arbeitet mit Spiegl zusammen und erklärt die Technik: Man entnimmt aus dem See Wasser. Für das Hotel in Bad Wiessee bedeutet das, dass 650 Meter lange, nicht sichtbare Rohre im See verlegt werden, Durchmesser 40 Zentimeter. Das Wasser wird langsam angesaugt. „Dann kommt es in eine Wärmepumpe und wird dort auf 30 bis 40 Grad erwärmt.“ Nach der Nutzung wird es wieder in den See geleitet. Wichtig ist, so sagt Schiebelbein, dass die Leitungen in einer Tiefe von etwa 30 Metern verlegt werden. „Dort ist die Wassertemperatur das ganze Jahr über gleich.“ Ideal seien 4 bis 8 Grad. Für die Wärmepumpe ist Strom nötig – der soll über Photovoltaik-Anlagen erzeugt werden. Erzielt werden soll eine Heizleistung von 2,7 Megawatt. Gespart werden laut der Ingenieure rund 2500 Tonnen CO2 im Jahr.
Schiebelbein betont, dass das Seewasser keinen Kontakt mit Chemikalien hat: „Das ist ein reiner Durchlauf.“ Das Landesamt für Umwelt sieht allerdings durchaus ein Risiko, das mit dem Einsatz von Kältemitteln und Wärmeträgermedien einhergeht: „Im Schadensfall können durch Stoffaustritt Gewässerverunreinigungen auftreten“, warnt ein Sprecher.
Spiegl und Schiebelbein können sich vorstellen, dass viele Bürger aufgeschreckt sind. Was, wenn der See sich erwärmt oder abkühlt? Werden Fische oder kleinere Lebewesen sterben, weil sie mit dem Wasser angesaugt werden? Welche Auswirkungen hat die Nutzung auf die Gewässerökologie? „Es gibt keine nachteiligen Auswirkungen auf den See“, beteuert Schiebelbein. Die Abkühlung sei minimal, „nicht messbar, im fünfstelligen Nachkommabereich“. Die Ansauggeschwindigkeit sei so gering, dass keine Seebewohner gestört oder eingesaugt werden.
In Oberbayern gibt es bislang nur vereinzelt Anläufe, diese Technik zu nutzen. Andreas Holderer vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim erinnert sich an einen misslungenen Versuch, Herrenchiemsee mit Wasser aus dem Chiemsee zu heizen – Muscheln hatten die Rohre besetzt und untauglich gemacht. Außerdem gibt es Pläne, mit Seewasser Energie für das Freizeitbad Prienavera zu erzeugen (siehe Kasten). Es gibt zwar keine Regelung, wie die Nutzungsrechte zu vergeben sind, sagt Holderer. Das sei aber kein Problem – es gebe ja die strengen EU-Wasserrichtlinien. In Deutschland wird an einer Handlungsanleitung gearbeitet, heißt es aus dem Landesamt für Umwelt.
So handhabt das auch die Schweiz, die laut Schiebelbein beim Thema thermische Seewassernutzung viel weiter sei. Der Kanton St. Gallen wirbt auf seiner Internetseite offensiv dafür, es gibt Projekte in Zürich, Luzern, Zug, Genf. Schiebelbein hat als Ingenieur knapp 20 betreut. „Wir planen ganze Stadtgebiete mit dieser Energiegewinnung“, sagt er. Auch in Österreich gibt es erste Projekte: Vier Hochhäuser am Donaukanal nutzen das Flusswasser, um Gebäude zu heizen oder zu kühlen.
Wie stehen Naturschützer in der Schweiz dazu, wo diese Energiegewinnung etablierter ist? Differenziert. Wie die Sprecherin von Pro Natura, Nathalie Rutz, mitteilt, sieht ihr Verband die Nutzung zu Kühlzwecken, je nach Gewässerart, kritisch: Durch die Klimakrise und die Hitzesommer würden viele Gewässer bereits stark erwärmt. Vor allem in Fließgewässern verursache das Probleme, weil Arten wie Aschen oder Bachforellen auf kühles Wasser angewiesen sind. In Seen sei die thermische Seewassernutzung weniger problematisch, weil der Wasserkörper größer ist. „Aber auch hier sollte wenig Hitze eingeleitet werden und sich die Nutzung von Seewasser zur Kühlung im Rahmen halten“, sagt Rutz.
Der Bund Naturschutz in Bayern positioniert sich ähnlich. Vorausgesetzt, das Gewässer werde ausreichend geschützt, seien Seen riesige Energiespeicher, die wirtschaftlich, ökologisch und energieeffizient zu Heiz- und Kühlzwecken genutzt werden können.
Die bayerischen Behörden sind der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen. „Das ist eine gute Möglichkeit, sich alternative Energiequellen zu erschließen“, sagt Holderer vom Wasserwirtschaftsamt. Klar: Man dürfe es nicht übertreiben. „Man muss aufpassen, dass man den See nicht überhitzt.“
Spiegl und Schiebelbein haben mit den Behörden bereits Gespräche geführt. „Ich bin zuversichtlich“, sagt Spiegl. Nach dem ersten Bericht über die thermische Seewassernutzung im Lokalteil unserer Zeitung bekam er einen Anruf von einem See-Anwohner: „Ich hab ein Haus am Tegernsee – und ich will das auch.“