Die Wunderwaffe für jedes Referat

von Redaktion

Schulen diskutieren Einsatz von ChatGPT – Kultusminister will kein Verbot

VON DIRK WALTER

München – Egal, ob Fachfragen zum Hitlerputsch oder Biologie-Schulwissen zu Finkenarten auf den Galapagosinseln – das Computerprogramm ChatGPT hat auf jede Frage eine Antwort, meistens sogar eine recht stimmige. Das könnte Schülern lästige Hausaufgaben, Referate und sogar Seminararbeiten abnehmen. So die Befürchtung. Erst seit November ist der sogenannte Chatbot auf dem Markt – und die Nervosität in den Schulen steigt. „Da kommt was auf uns zu“, „das ist eine völlig neue Dimension“, so lauten erste Kommentare von Schulleitern.

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (FW) zeigt sich weniger verunsichert. Die Chancen seien „größer als die Risiken“, sagte er gestern in München. „Wir werden es nicht verbieten.“ Ein Verbot ginge auch kaum, denn die Schule hat keinen Zugriff auf Handys und Computer der Schüler. Wohl ist ChatGPT offiziell erst ab 18 zugelassen, wie Piazolo sagte, doch auch das kann nicht kontrolliert werden. Auch von den Servern der Schulen indes soll – anders als etwa in New York – das Programm nicht verbannt werden.

Wie also sollen Lehrer mit ChatGPT umgehen? Eine Gruppe von 20 Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität und der TU München empfiehlt, ChatGPT an Schulen „kreativ“ zu nutzen. Das Programm sei ein „technologischer Meilenstein“ und könne sogar „zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen“, schreibt die Gruppe um die TU-Professorin Enkelejda Kasneci in einem Positionspapier. Schüler könnten ChatGPT beispielsweise Vorschläge für sprachliche Verbesserungen entnehmen. „Wir raten allen Lehrkräften: Probieren Sie die Tools aus! Entdecken Sie sie gemeinsam mit den Schüler:innen.“ Allerdings müssten sich die Lehrer „einen kritischen Blick bewahren“.

Genau darum geht es in Fortbildungen, die seit Kurzem an der staatlichen Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen angeboten werden – „ChatGPT im Deutschunterricht“ oder „Künstliche Intelligenz in der Schule – Fokus (Fremd-)Sprachen“ lauten beispielsweise die Themen. „Die Resonanz ist sehr gut“, sagt Akademieleiter Alfred Kotter. Die ersten 3000 Lehrer hätten sich über E-Sessions und Selbstlernkurse bereits geschult. Dieses Angebot müsse aber noch „massiv hochgefahren“ werden, heißt es von Seiten der Landtags-Grünen. „Wir haben 150 000 Lehrer.“ Zudem warten Schulleiter auf zentrale Vorgaben durch das Kultusministerium. Es sei ja tatsächlich möglich, mit einigen Stichpunkten „einen guten Text“ durch ChatGPT herstellen zu lassen, stellte Monika Pfahler, Direktorin der FOS/BOS Fürstenfeldbruck, nach eigenem Ausprobieren fest. „Da kommt etwas auf die Schulen zu“ – das Ministerium müsse sagen, wie man damit umgeht. Diese Direktive steht indes noch aus – sie wird aber kommen, betont ein Sprecher des Ministeriums. „Wir werden allen Schulen Materialien zu KI in allen Facetten zur Verfügung stellen, auch zum Thema Leistungsnachweise und das wird sehr schnell geschehen.“

Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband sieht die Schulen vor der Aufgabe, Prüfungs-Themen und  -Formate anzupassen. Für eine einst als fortschrittlich gepriesene Aufgabenkultur, die auf Gruppenarbeit zu Hause und mündliche Leistungsnachweise setze, sei ChatGPT ein Rückschritt. „Kompetenzmessung ohne Künstliche Intelligenz geht nur mit traditionellen Prüfungsformaten“, sagt Meidinger. „Die Stunde der Wahrheit schlägt mit der Klausur“ – denn im Klassenzimmer unter Lehrer-Aufsicht könne der Schüler ChatGPT nicht nutzen.

Fortbildung

der Lehrer „massiv hochfahren“

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