Der Ex-AfDler und seine neue Partei

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER UND MARCUS MÄCKLER

München – Es gab aufwühlende Zeiten im Leben des Abgeordneten Markus Plenk. Im Frühjahr 2019 war das, fast täglich landeten Morddrohungen im Postfach. Kollegen riefen ihm „dreckige Bauernsau“ hinterher. Parteitags-Delegierte skandierten „Lügner“, „Heuchler“ und „Verräter“, als sein Name fiel. Plenk hatte mit einem großen Rumms den Fraktionsvorsitz der AfD hingeworfen und die Partei verlassen. Er wolle nicht länger „die bürgerliche Fassade einer fremdenfeindlichen und extremistischen Partei sein“, teilte er in einem „Spiegel“-Interview mit.

Jetzt, vier Jahre später, hat sich der Zorn gelegt. Plenk war einer der Ersten, die mit der AfD brachen, doch er blieb nicht der Letzte. Er zog in die letzte Reihe des Plenarsaals um, dorthin, wo sich die Partei- und Fraktionslosen sammeln, und akzeptierte die neue Rolle: nicht mehr Chef einer Fraktion, sondern winziges Rädchen im Parlamentsbetrieb, ab und zu mit einer einminütigen Winzig-Redezeit im Plenum. Von den alten AfD-Kollegen geschnitten, von den anderen Fraktionen nie ganz ohne Misstrauen beäugt. Nicht, dass er Sehnsucht nach 2019 hätte – aber allmählich wird es Plenk doch etwas zu still.

Der Abgeordnete aus Ruhpolding, 53 Jahre alt, sucht sich nun eine neue politische Heimat. Kurz sondierte er bei der CSU, überwarf sich aber in den ersten Wochen der Corona-Politik 2020 fundamental. Er war, so sagt er, der einzige Abgeordnete, der im März gegen das Infektionsschutzgesetz stimmte. Für den Kreistag kandidierte er dann im Mai 2020 partei- und knapp erfolglos auf dem Ticket der Bayernpartei. Nun hat er im Freistaat eine neue Partei. Plenk ist Landesvorsitzender des unlängst bundesweit gegründeten „Bündnis Deutschland“.

Eine neue Partei also – oft zieht das Frustrierte, Aufgebrachte, Radikalisierte an. Plenk, ein leiser, nachdenklicher Typ, im Nebenerwerb Biobauer bei Reit im Winkl, will in dieses Klischee nicht passen. Er spricht vom Vier-Augen-Prinzip bei Neuaufnahmen, von zweijährigen Probezeiten. „Qualität geht vor Quantität“, sagt er.

Inhaltlich will er sein „Bündnis Deutschland“ in der Mitte sehen, näher an klassischen FDP-Positionen als an konservativen oder rechten. EU-freundlich, in der Ukraine-Solidarität, also weit von der AfD entfernt, die Plenk heute als noch extremer als 2019 beschreibt. „Eine neue politische Kraft – auch wenn es schwierig erscheint – ist notwendig“, sagt er. Die Hälfte der bisher 100 Mitglieder im Landesverband sei parteilos gewesen, andere kamen aus Union, FDP, AfD, SPD, viele von der Pandemie-Politik verstört. Ein Ziel ist die Landtagskandidatur im Oktober.

Nun ist er noch immer fraktionslos, mit ihm sitzt im Landtag aber schon mal eine neue Partei. Gespräche mit den anderen sieben Fraktionslosen, theoretisch könnten sie sich zusammentun? Er wirkt skeptisch. „Der gemeinsame Nenner ist zu gering.“

Plenk muss es wissen: Vier seiner heutigen Sitznachbarn kennt er aus AfD-Zeiten – dass sie der Partei den Rücken kehrten, hatte eher nicht mit dem Radikal-Kurs zu tun. Raimund Swoboda, der Plenk mit seinem Austritt ein paar Tage zuvorkam, ging wegen enttäuschter Ambitionen. Der Zahnarzt Ralph Müller kam einem Parteiausschluss zuvor. Als der Verfassungsschutz die AfD ins Visier nahm, gingen auch Markus Bayerbach und der damalige Fraktionschef Christian Klingen. Beide sind Beamte und wollten sich wohl Ärger ersparen. Der Rest der Runde: Ex-SPD-Mann Michael Busch sowie die Abgeordneten Alfred Sauter und Franz Rieger, beide ehemals CSU, beide spektakulär über Affären gestolpert.

Viel Rekrutierungspotenzial steckt nicht in der Gruppe der Einzelkämpfer. Andererseits: abwarten.

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