Freising/München – Die Stimmung am Flughafen München ist gedrückt. Mehr als 80 Prozent der zahlreichen türkischstämmigen Flughafen-Mitarbeiter kommen aus dem Erdbeben-Gebiet. „Ich habe erst vor einer Stunde wieder einen Anruf bekommen, dass ein Kollege seine ganze Familie verloren hat“, berichtet Thomas Bihler, der Vorsitzende des Flughafenvereins. „In solchen Fällen gibt es Sofortunterstützungen.“ Doch der Verein möchte noch mehr machen – und auch für die Opfer in Syrien. „Wir haben eine Stunde, nachdem wir das von dem Erdbeben mitbekommen haben, gehandelt und ein Sonderkonto eingerichtet“, sagt Bihler. 70 000 Euro hat der Verein bereits gespendet, hinzu kommen 200 000 Euro, die der Flughafen selbst bereitgestellt hat.
Auch darüber hinaus hat der Verein in der Kürze der Zeit versucht, so viel wie möglich zu tun: „Mit Hilfe von Partnerorganisationen haben wir vor Ort schon über 20 000 Brote gebacken.“ Fünf Leute hat der Flughafenverein schon in die Türkei geschickt, weitere fünf – unter anderem Bihler selbst – folgen in den nächsten Tagen. „Wir helfen eher in den kleineren Orten, weil die Lkws nicht mehr in die größeren Städte reinkommen“, erklärt Bihler. Der Verein kauft deshalb haltbare Nahrungsmittel, Medikamente und Kleidung in anderen Großstädten wie Istanbul oder Bursa und bringt diese dann in die betroffenen Regionen.
Auch in Marzling im Kreis Freising startete gestern ein Sattelschlepper des BRK. Das Rote Kreuz hatte dem Roten Halbmond, der Partner-Organisation im Krisengebiet, am Montag sofort Unterstützung angeboten. „Bei uns haben sich auch einige BRK-Kräfte gemeldet, die auf Trümmersuche spezialisiert sind“, berichtet Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. Für die akute Hilfe in den ersten Tagen sei keine Unterstützung angefordert worden, berichtet er weiter. Nun hat das Deutsche Rote Kreuz aber eine Liste erreicht, welche Hilfsgüter dringend gebraucht werden.
Für die dreitägige Fahrt im Sattelschlepper meldeten sich zwei erfahrene Krisenhelfer aus Bayern: Jürgen Loibl aus Landshut und Robert Sturm aus Freising. Sie waren auch schon bei Einsätzen in der Ukraine und dem Ahrtal dabei. Gestern Morgen starteten sie zunächst in Richtung Berlin. Dort wird der Sattelschlepper im Logistikzentrum des Roten Kreuzes mit Zelten, Decken und Heizgeräten beladen, von dort geht es weiter bis ins Krisengebiet. Aus Leipzig startete am Donnerstag außerdem ein DRK-Flugzeug, insgesamt bringt das Rote Kreuz 100 Tonnen Hilfsgüter ins Krisengebiet.
„Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend groß“, betont Taheri. Auch viele kleine Initiativen und Vereine haben in den vergangenen Tagen Spendenaktionen gestartet. So ehrenwert die Hilfe ist, in der aktuellen Lage könne das eher hinderlich sein, erklärt er. „Die großen Hilfsorganisationen haben Netzwerke vor Ort und erfahren von ihren Partnern, wo was gebraucht wird.“ Viele kleine Hilfstransporter würden die Lage im Krisengebiet eher erschweren. „Am dringendsten werden jetzt Geldspenden gebraucht“, betont Taheri. Denn vieles – zum Beispiel Lebensmittel – kann auch in der Türkei und Syrien gekauft werden, von dort aus sind die Anfahrtswege kürzer. Die großen Organisationen sind sehr krisenerfahren und gut vernetzt, sie könnten gewährleisten, dass das Geld schnell dorthin weitergeleitet wird, wo es gebraucht wird.
„Die Hilfe vor Ort wird noch viele Monate dringend nötig sein“, kündigt Taheri an. Rund 20 Millionen Menschen sind durch das Erdbeben obdachlos geworden. „Sie brauchen eine neue Bleibe. Auch Infrastruktur und Kläranlagen müssen neu aufgebaut werden.“ Dafür wird viel Geld nötig sein – und bald auch Helfer aus dem Ausland. Das BRK und viele anderen Organisationen in Bayern wappnen sich für diesen Moment. Taheri sagt: „Wir sind sofort startklar, wenn wir angefordert werden.“ KATRIN WOITSCH JONAS GRUNDMANN
Flughafenverein hat fünf Helfer in die Türkei geschickt