Darf man eigentlich noch Indianer sein?

von Redaktion

Wer sich im Fasching Federn auf den Kopf bindet, endet manchmal in einem komplizierten Kulturkampf.

Dachau – Es ist Faschings-Hochsaison. Überall gibt es Feiern in Sälen, Kindergärten oder im Freien – und dabei sind selbstverständlich alle kostümiert. Das Problem ist nur: Ein unbedacht übergeworfenes Fransen-Kleid könnte heutzutage schnell als Statement (miss)verstanden werden. Ein Begriff zieht dann auf wie die Sonne über der Prärie: kulturelle Aneignung.

Darunter versteht man die Übernahme von Ausdrucksformen aus einer anderen Kultur – in stereotyper Weise, gegen deren Willen und nicht auf Augenhöhe.

Vincent Halbig vom Kostümgeschäft „Karneval Universe“ in Pliening im Kreis Ebersberg berichtet, welche Rolle die Debatte bei der Kostümwahl spielt. Er hat dort durchaus noch Cowboy, Indianer & Co im Sortiment. Doch etwas hat sich verändert: „Wir beziehen unsere Kostüme hauptsächlich von Lieferanten aus den USA. Dort werden bestimmte Muster und Farben der Indianer-Kostüme angepasst, um keine Stämme nachzuahmen“, sagt Vincent Halbig, der stellvertretende Geschäftsführer. „Es ist ein schmaler Grat, niemand soll sich auf den Schlips getreten fühlen, aber man muss auch über sich selbst lachen können.“ Black-Facing, also schwarze Schminke im Gesicht, findet er persönlich nicht gut. „Wir verkaufen zwar schwarze und braune Schminke, doch was der Kunde damit macht, liegt nicht in unserer Hand.“ Oft beobachtet Halbig aber auch, dass etwa Afro-Perücken in Kombination mit 70er-Kostümen getragen werden. So werden sie in einen anderen Kontext gebracht.

Bei Cowboy- und Indianer-Kostümen ist die Nachfrage vorletztes Jahr etwas zurückgegangen, jetzt ist sie wieder größer, berichtet er. „Das könnte aber auch mit der Corona-Pandemie zusammenhängen“, vermutet Halbig.

Erik Kunert von der Faschingsgesellschaft Dachau ist wiederum eine starke Veränderung aufgefallen: „Auf Kinderbällen habe ich heuer noch keinen einzigen Cowboy oder Indianer gesehen.“ In der zweijährigen Faschings-Pause hätten sich Eltern womöglich Gedanken über die Kostüme ihrer Kinder gemacht, mutmaßt der zweite Vorsitzende. „Die beliebtesten Verkleidungen sind inzwischen Prinzessin, Polizist, Spiderman oder Meerjungfrau“, zählt Kunert auf. „Früher war der Cowboy noch sehr beliebt.“ Vor einigen Jahren hat der Feuerwehrball aber auch noch unter dem Motto „Wilder Westen“ stattgefunden.

Der Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst hat das Buch „Kulturelle Aneignung“ geschrieben. Er sagt über Indianer-Kostüme: „Das kann man machen. Aber man muss nicht unbedingt erwarten, dass andere Leute dafür Applaus klatschen.“ Er findet tatsächlich, dass man bei Verkleidungen über kulturelle Aneignung diskutieren könne. Obwohl er andere Begriffe besser findet. Etwa Geschichtsvergessenheit oder mangelnde Sensibilität. Kritisch werde es bei einem Macht-Ungleichgewicht der Kulturen, sagt Distelhorst. Viele Ureinwohner wurden ausgebeutet und diskriminiert. Wenn sich eine Frau ein Geisha-Kostüm oder ein Mann einen Schottenrock anziehe, dann sei das wieder etwas Anderes, sagt er. Gleiches gelte für einen Amerikaner, der eine bayerische Lederhose trage. „Da sagt niemand etwas dagegen.“

Martin Booms, Professor für Philosophie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, findet die Strenge der Diskussion dagegen befremdlich. „Ich glaube nicht, dass es zielführend ist, dass man jetzt eine Liste macht mit Kostümen und Rollenmotiven, die noch gehen und solchen, die nicht gehen“, sagt er. Man müsse sich doch mal klarmachen, was im Karneval passiert. Rollenklischees würden bewusst eingesetzt. „Wer sich ein Kostüm überzieht und in eine fremde Rolle schlüpft, der macht das mit Selbstironie. Genau diese Eigenschaft – über sich selbst lachen zu können – ist eine Kultur, die so etwas wie Diskriminierung und Exklusion verhütet.“

Ähnlich sieht es auch Erik Kunert von der Dachauer Faschingsgesellschaft: „Der Fasching soll Spaß und gute Laune machen, niemand will dabei jemanden beleidigen oder ausgrenzen.“ Man solle ein Lachen mitbringen und nicht alles ausdiskutieren, nicht alles zu politisch betrachten. Kunert betont ebenfalls, dass es im Fasching schließlich darum geht, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Sein Appell: „Bitte steckt den Fasching nicht in eine Kiste. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“

LEA WARMEDINGER JONAS-ERIK SCHMIDT

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