DAS PORTRÄT

Zahnärztin mit Mission

von Redaktion

Nicole Gsell hat unzählige Male in ihrem Leben das Fußpedal betätigt und den Patientenstuhl in ihrer Praxis in Berg im Kreis Starnberg auf die richtige Position gefahren. Doch seit Kurzem ist das für sie nicht mehr selbstverständlich. Sie hat 16 Tage lang im afrikanischen Gambia gearbeitet. Elektrische Stühle gab es dort nicht. Und auch sonst nicht viel Luxus. Umso wichtiger war ihr Einsatz dort. Gambia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Gsell musste ihre Instrumente dort im Kochtopf auf dem Herd sterilisieren. Die Menschen, die sie behandelte, saßen manchmal stundenlang auf Plastikstühlen. Etwa 50 Patienten hat sie dauerhafte Zahnschmerzen genommen und ihnen künstliche Zähne gebastelt.

In Gambia leben rund 2,6 Millionen Menschen. Und zehn Zahnärzte. Die Gambia-Hilfe Gütersloh hat deshalb Zahnärzte aus Deutschland für einen Einsatz dorthin geschickt. Unter ihnen war Nicole Gsell. Die Murnauerin kam in das Dorf Changally. Es ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Sie konnte aber eine mobile Behandlungseinheit nutzen, in der es unter anderem Absauggeräte gab. Jeden Tag empfing sie Patienten, denn im Radio war ihr Einsatz angekündigt worden. Auch Kinder hat sie behandelt. „Der Gebisszustand ist überwältigend katastrophal“, sagt sie. Von 20 Kindern hatten 17 Karies. Es fehle an Aufklärung über Hygiene und Ernährung, erklärt Gsell. Sie zog jede Menge verfaulte Zähne, behandelte viele stark entzündete Wurzeln. „Die Menschen müssen wahnsinnige Schmerzen gehabt haben“, sagt sie.

Eine Frau war extra aus der Hauptstadt mit dem Bus angereist. Sie hatte noch sieben Zähne. Gsell behandelte sie fünf Stunden lang, setzte ihr zwölf Füllungen ein. Ihre Patienten zahlten umgerechnet 1,53 Euro für die Behandlung. In der nächsten Stadt, die ohne Auto kaum erreichbar wäre, hätte die Behandlung rund sechs Euro gekostet. Gsell arbeitete komplett unentgeltlich, auch den Flug bezahlte sie selbst. Doch trotz aller Dankbarkeit der Menschen in Gambia reiste sie mit dem Gefühl nach Hause, nicht genug getan zu haben. „Das war ein ganz kleiner Tropfen auf einen sehr heißen Stein“, sagt sie. Deshalb will sie Ende des Jahres noch mal nach Gambia fliegen. Sie sagt: „Ich bin noch nicht fertig mit Changally.“ TOBIAS GMACH

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