München – Um den Tod von Uwe Barschel ranken sich wohl fast so viele Mythen und Gerüchte wie um das rätselhafte Dahinscheiden König Ludwigs II., Bayerns Lieblings-Kini. Wahlweise ist der ehemalige Ministerpräsident in Schleswig-Holstein am 11. Oktober 1987 in der Badewanne im Genfer Hotel Beau-Rivage von Geheimdienstlern oder Waffenhändlern aus Südafrika, dem Iran oder der DDR beseitigt worden. Und wie beim Kini lautet die plausibelste These bisher ganz unspektakulär, dass es in Wahrheit ein Selbstmord war. Tod nach Einnahme eines Medikamentencocktails, so stellte es die Generalstaatsanwaltschaft 1998 nüchtern fest.
Nun aber steuert ein CSU-Mitglied aus Pullach dem Gewirr aus Verschwörungserzählungen eine neue Variante bei: Wilhelm Schlötterer, 83, einst hoher Beamter im bayerischen Finanzministerium, ist mit Büchern über Finanzmachenschaften von Ex-CSU-Chef Franz Josef Strauß und dessen Umfeld bekannt geworden. Am Dienstagvormittag teilte der Autor, der immer noch CSU-Mitglied ist, im Münchner Presseclub eine Art Dossier aus. Essenz der aus Büchern und Internet-Publikationen kopierten und mit einer eigenen Kurzdarstellung angereicherten Seiten: Vom Fall Barschel führt eine Spur zu einem heute als „Reichsbürger“ bekannten Hobby-Politiker sowie, wichtiger noch, eine weitere zu Franz Josef Strauß.
Die Beweislage ist indes, nun ja, etwas dünn: Schlötterer behauptet „einer zuverlässigen Information zufolge, die ich erhalten habe“, dass Strauß am 1. Oktober und 2. November 1987, also kurz vor und nach dem Tod Barschels, von einem Konto der DG Bank zwei Überweisungen über insgesamt 200 000 D-Mark an einen Ralf Niemeyer „zugunsten von Robert Roloff“ veranlasst habe.
Roloff? Niemeyer? An dieser Stelle muss der Fall Barschel von Anfang an aufgerollt werden: Nach einer „Spiegel“-Enthüllung im September 1987 war Barschel, der damals im Landtagswahlkampf steckte, schwer angezählt. Sein Medienreferent Reiner Pfeiffer hatte ihn beschuldigt, den SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm mit schmutzigen Methoden zu kompromittieren. Nach der Wahl, die mit CDU-Verlusten endete, versuchte Barschel, seinen Ruf zu retten. Vom Kurzurlaub auf Gran Canaria flog er am 10. Oktober 1987 nach Genf. Nach Aussage seiner Ehefrau wollte er dort einen gewissen Roloff treffen, der ihm Entlastungsmaterial versprochen hatte. Es ist nie geklärt worden, ob es zu dem Zusammentreffen überhaupt kam.
Wer aber war Roloff? Nach verschiedenen Spekulationen im Internet handelt es sich dabei um Ralph T. Niemeyer. Der ist in der Tat in einschlägigen Kreisen eine Berühmtheit. Niemeyer war 1997 bis 2013 mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht verheiratet. Er kandidierte einige Male erfolglos für die Linke, inzwischen aber ist er ins Lager der „Reichsbürger“ abgedriftet – jener Gruppierung also, die die Existenz der Bundesrepublik als regulären Staat bestreitet und/oder aber für eine GmbH hält. In den Wirren des Kriegs gegen die Ukraine gerierte er sich als Vertreter einer „Exil-Regierung“ und reiste nach Russland. Zuletzt hatte er Kontakte zur Reichsbürger-Gruppe um den Prinzen Reuß, der jetzt festgenommen worden ist.
Dieser Niemeyer also soll Roloff gewesen sein – an den Strauß, aus welchen Gründen auch immer, Geld überwiesen haben soll. Nun allerdings gibt es Fragen: Niemeyer ist Jahrgang 1969, zum Zeitpunkt des Barschel-Tods war er gerade 18. Und dann schon in ein Mord-Komplott verwickelt? Schlötterer ficht das nicht an – Niemeyer habe „zehn Jahre älter“ gewirkt, sagt er. Konsultiert hat er Niemeyer allerdings nicht. Einen Bankbeleg für die Anschuldigung gegen Strauß können Schlötterer und sein Anwalt Hildebrecht Braun, früher FDP-Bundestagsabgeordneter, auch nicht vorlegen. Doch die Quelle, ein früherer Buchhalter der DG Bank, sei über jeden Verdacht erhaben. „Die Verdachtsmomente sind offenkundig“, sagt Braun.
Gestern stellte Schlötterer Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Lübeck gegen Niemeyer wegen mutmaßlicher Beteiligung am Mordfall Barschel. Ende offen.