Rottenbuch – Er klingelt nicht. Jürgen Hach spaziert über die Terrasse hinter dem Haus und klopft ans Wohnzimmerfenster. In seiner rechten Hand trägt er einen kleinen, dunklen Koffer, in der linken eine Akte. In ihr steht alles, was der 80-Jährige über die Frau wissen muss, durch deren Terrassentür er eintritt und sich auf die Armlehne eines Sessels setzt. „Wie geht’s?“ Er fragt wie ein alter Freund. „Es geht schon, Herr Doktor“, antwortet sie. Ihr Blutzucker sei nur viel zu hoch.
Seit 48 Jahren ist Jürgen Hach der Hausarzt von Rottenbuch im Kreis Weilheim-Schongau. Seit 47 Jahren kennt er die Patientin. Sie war damals eine junge Wirtin, er ein junger Arzt. Noch heute arbeitet der 80-Jährige als Mediziner. Er führt gemeinsam mit seiner Schwester eine Praxis im Ort. Und auch in die Nachbardörfer radelt er mit seinem E-Bike. Zum Beispiel nach Wildsteig – denn dort gibt es keinen eigenen Hausarzt mehr. Würde Jürgen Hach mit 80 langsam an den Ruhestand denken, würde es Rottenbuch ähnlich gehen. Seine Praxis ist die einzige im Ort. Und Nachfolger zu finden ist für Ärzte in fast allen ländlichen Regionen schwierig. Weite Wege, viele Patienten rufen auch außerhalb der Praxiszeiten bei ihm an – das schreckt viele ab. Jürgen Hach aber hat die Arbeit immer gerne gemacht. Auch heute noch. Und seine Patienten sind dankbar. „Sie bitten mich sogar darum, so lange zu arbeiten, wie sie noch leben“, berichtet er.
Mehrmals in der Woche packt Hach seinen braunen Lederkoffer und besucht seine ältesten Patienten. Sein Auto gleicht einer fahrenden Apotheke. Im Handschuhfach sind handschriftliche Patientenakten, im Getränkehalter ein Diktiergerät. Zwischen den Besuchen erzählt er dem Gerät, wie der Termin verlaufen ist. Seine Sprechstundenhilfen tippen das später ab.
Zweiter Stopp der Visite, ein altes Gebäude bei Wildsteig. Die Anfahrt verläuft über einen Forstweg. „Früher bin ich im Winter mit Langlaufskiern dorthin“, erzählt er. Die Untersuchung ist kurz: Hach misst den Blutdruck, gibt dem Patienten eine Spritze.
Seine Tasche stellt er nach dem Termin in den Kofferraum. Sie ist so alt wie seine Praxis. Bevor er nach Rottenbuch kam, hatte er im Krankenhaus in Schongau gearbeitet. Die Tasche war ein Geschenk zum Abschied. Sie zeigt Spuren eines langen Berufslebens. 48 Jahre sind eine lange Zeit für ein Köfferchen, für einen Landarzt eine Ewigkeit. Vor einigen Jahren hatte eine jüngere Medizinerin in der Praxis mitgearbeitet. „Sie wollte sie übernehmen.“ Daraus wurde nichts, also machte Hach eben selbst weiter.
Dafür hält er sich fit. Im Winter geht er skifahren und snowboarden. Im Sommer erledigt er seine Hausbesuche mit dem Rad. Manchmal macht Jürgen Hach auch Dinge, die man von einem Mann in seinem Alter erwartet. Zum Beispiel, wenn er zwischen zwei Terminen bei einer Freundin Nussschnecken isst und Kaffee trinkt. Er trinkt nur eine Tasse. Kaffee wird ihm bei jedem Hausbesuch angeboten. Mindestens alle zwei Wochen fährt Hach bei der Bekannten vorbei und plaudert. Mal über gesundheitliche Themen – die Dame ist schließlich Patientin – mal über Gott und die Welt. Hach ist wie ein Brockhaus der Region. Er weiß viel, die Menschen kennt er fast alle. Und alle kennen Doktor Hach.
„Er ist ein Unikat“, sagt die Tochter einer Patientin, die der Landarzt nach der Kaffeepause besucht. Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall, verbringt viel Zeit im Bett und Hach viel Zeit bei ihr. Die Tochter ist froh darüber. „Eigentlich darf er nie aufhören. So einen Arzt finden wir hier nicht noch einmal.“ Hach nimmt das Kompliment schmunzelnd zur Kenntnis. „Jeder ist ersetzbar“, meint er. Er sagt das so, als wäre es wahr. Die Realität ist eine andere.
Seit dem Jahr 2020 gibt es in Bayern eine sogenannte Landarzt-Quote. Sie ermöglicht Abiturienten, die keinen Einserschnitt haben, Medizin zu studieren und als Hausarzt zu arbeiten. Sie verpflichten sich, für zehn Jahre in einer Region zu arbeiten, die medizinisch unterversorgt ist. Das trifft in Bayern auf viele Regionen zu. Aktuell sind rund 433 Hausarzt-Stellen unbesetzt, Facharztstellen sind noch nicht eingerechnet.
Die ersten Absolventen mit Landarzt-Quote können 2031 ihre Arbeit aufnehmen. Jürgen Hach wäre dann 87. Wann er seinen Ruhestand antritt, weiß er nicht. „Ich mache einfach weiter.“ Den 50. Geburtstag seiner Praxis möchte er auf jeden Fall noch feiern. Einen Grund zum Aufhören sieht er nicht. „Mir macht’s Spaß.“ Und solange ihm seine Patienten treu bleiben, will er das auch sein.