München – Was wird nun aus dem treuen Diener von Benedikt XVI.? Seit dem Tod des emeritierten Kirchenoberhaupts wird gerätselt, welche Aufgabe Papst Franziskus dem langjährigen Privatsekretär Georg Gänswein übertragen wird. Am Samstag noch hatte der Vatikan gemeldet, dass Franziskus den Deutschen zur Privataudienz empfangen habe. Am Dienstagabend, als Erzbischof Gänswein (66) in München die deutsche Ausgabe seines Buches „Nichts als die Wahrheit – Mein Leben mit Benedikt XVI.“ (Verlag Herder, 28 Euro) im Luitpold Salon in München vorstellt, lautet die zweite Frage aus dem Publikum: „Wie geht es denn für Sie persönlich weiter?“
Gänswein lächelt und sagt: „Die Frage hatte ich als erste erwartet.“ Er bestätigt das Gespräch mit dem Papst – und der habe ihm erklärt: „Ich habe noch keine Entscheidung getroffen.“ Papst Franziskus brauche noch Bedenkzeit, es spielten da noch einige andere Entscheidungen eine Rolle. Der Großteil der journalistischen Welt habe ihn ja bereits nach Afrika oder Asien in die letzte Nuntiatur versetzt, schmunzelt Gänswein – aber: „Ich muss Sie vertrösten – die Aufgabe, die auf mich wartet, ist mir noch nicht bekannt.“
Der smarte Erzbischof plaudert über seine 26 Jahre an der Seite Benedikts, dass es allein gesundheitliche Gründe waren, die zum Rücktritt des Papstes geführt hätten – „alles andere sind Mythen“ – und es keine Möglichkeit gegeben habe, ihn umzustimmen. Nicht zur Sprache kommt das belastete Verhältnis zwischen Papst Franziskus und Gänswein, was im Buch umso detaillierter beschrieben wird. Die doppelte Funktion als Privatsekretär des Emeritus und als Präfekt des Päpstlichen Hauses, der die Termine des aktuellen Papstes managt, funktionierte demnach schon bald nach der Wahl von Franziskus nicht mehr. Gänswein schreibt: „Benedikts Hoffnung, dass ich als Bindeglied zwischen ihm und seinem Nachfolger würde dienen können, war ein wenig naiv gewesen…“ Bis ins Kleinste schildert „Don Giorgio“ eine Reihe von „Demütigungen“ durch Franziskus. Manches mutet schon skurril an wie die Schilderung, dass Gänswein die, wie er meint, ihm zustehende Wohnung im Apostolischen Palast nicht beziehen darf, weil Franziskus es ihm untersagte. Mit dem Streit um ein Buch des konservativen Kardinals Robert Sarah, der einen Gastbeitrag von Benedikt XVI. gegen eine Liberalisierung des Zölibats benutzte, um den Emeritus als Co-Autor zu präsentieren, war das Maß voll. Franziskus beurlaubte Gänswein als Präfekt des päpstlichen Hauses: „Sie bleiben von jetzt ab zu Hause. Sie begleiten Benedikt, der Sie braucht, und schirmen ihn ab.“
Mit dem Buch will Gänswein das Bild über Benedikt zurechtrücken, der alles andere als ein „Panzerkardinal“ gewesen sei – sondern „eine milde, überzeugende, klare Persönlichkeit, die den Menschen Gott verkünden wollte“. Benedikts Privatsekretär lässt die Leser einen Blick hinter vatikanischen Kulissen werfen – dass es derart menschelt, mag man kaum fassen. Papst Franziskus wird das Buch, das seit Mitte Januar schon in italienischer Ausgabe erschien, nicht gefallen haben. Wo er Don Giorgio einsetzen wird, darf auch als Antwort auf das Buch gewertet werden. cm