Kardinal Lehmann – Sturz eines Denkmals

von Redaktion

Schwere Vorwürfe gegen verstorbenen Mainzer Bischof: Er wies Betroffene mit „unglaublicher Härte“ ab

Mainz/Frankfurt – Er galt für viele Katholiken und auch weit über die katholische Kirche hinaus als Fels in der Brandung: An Kardinal Karl Lehmann, dem Inbegriff einer dem Menschen zugewandten Kirche, haben sich auch viele Kritiker der Institution orientiert und festgehalten. Nun werden auch dem früheren langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Zusammenhang mit der Missbrauchsaufarbeitung Versagen und schwere Versäumnisse vorgeworfen.

Der im Jahr 2018 gestorbene Lehmann war von 1983 bis 2016 Bischof von Mainz. Eine unabhängige Untersuchung zu Missbrauchsfällen in der Diözese Mainz hat nun ans Licht gebracht, dass der leutselige Kardinal lange Zeit keinen Blick gehabt hat für das Leid der Opfer. Er habe das Thema nie zur Chefsache gemacht. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber als Autor der Untersuchung kam zu dem vernichtenden Urteil: „Seinen mit eigenen Worten formulierten Anspruch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche und im Bistum Mainz hat er selbst zu keiner Zeit erfüllt.“

Die Erschütterung in seinem Heimatbistum ist groß, in der Diözese distanziert man sich immer mehr von „Bischof Karl“. So hat der amtierende Mainzer Bischof Peter Kohlgraf inzwischen sein Unverständnis über Lehmanns Umgang mit Opfern und Tätern sexuellen Missbrauchs geäußert. Lehmann habe in der Begegnung mit Betroffenen „unglaubliche Härte und Abweisung“ gezeigt. Zugleich habe er „Priester auf ein Podest gehoben, das sie unangreifbar macht“. Ein Junge, der im Domchor gesungen und vom Chorleiter schwer missbraucht worden war, sagte im Prozess gegen den Täter aus. „Die Kirche hat sich nie gemeldet“, sagte der Betroffene zu den Autoren der Studie. „Ich bin wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen worden.“

Unterdessen hat in Frankfurt gestern die mit Spannung erwartete letzte Vollversammlung des Synodalen Wegs begonnen, der als Konsequenz aus den Missbrauchsverbrechen eingerichtet worden ist. Bis Samstag werden 223 Laien und Kleriker – darunter 67 Bischöfe und Weihbischöfe – an Texten zu Kirchenreformen feilen. Nachdem der Vatikan deutliche Kritik an den Reformwünschen geäußert hatte, ist fraglich, ob die Bischöfe die Texte mit Zweidrittelmehrheit absegnen. „Diese, meine Kirche verdient es, dass wir sie nicht einfach belassen, wie sie ist“, warb der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, bei seinen Amtsbrüdern für Unterstützung. Und an alle gerichtet sagte er: „Verzweifeln Sie nicht und springen Sie, wo eben es geht, über Ihren Schatten.“ cm

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