Ferdinand Kraller kann nichts aufhalten: keine kaputten Knochen, kein Alter. Im Interview erzählt der 72-Jährige aus Teisendorf im Berchtesgadener Land, warum er bis zu 25 Stunden die Woche trainiert, aus Jux auf den Großglockner radelt und jetzt bei der Senioren-Weltmeisterschaft in Seefeld wieder um Gold kämpft. Warum er das in Herrgotts Namen nur macht? „Weil ich ein Wettkampf-Typ bin.“
Herr Kraller, Sie sind 1951 geboren. Denken Sie manchmal an die Rente?
Ich komme gerade von den Deutschen Meisterschaften – und bin enttäuscht und unzufrieden mit mir. Zwar konnte ich die klassische Disziplin verteidigen, aber beim Skaten wurde ich nur Dritter. Mich ärgert es einfach, dass ich nicht so viel trainieren konnte wie geplant. Das lag aber an den Unfällen in den vergangenen Jahren.
Was ist passiert?
Erst hatte ich August 2021 einen Radunfall, brach mir den Oberschenkel. Einer kam aus einer Einfahrt geschossen, ich hatte keine Chance. Das einzige Positive waren die 10 000 Euro Schmerzensgeld. Davon habe ich mir gleich ein neues Rad gekauft, mit ganz viel Carbon. Genau ein Jahr später passierte mir mit Rollskiern im Trainingslager in Livigno ein Missgeschick. Sturz, Beckenbruch. Deswegen konnte ich nicht so viel für die Meisterschaften in Garmisch trainieren.
Wie sind Sie zum Langlaufen gekommen?
Mit 34 habe ich aufgehört, Fußball zu spielen, weil mir jeder Knochen wehtat. Dann habe ich auf Anraten meiner Spezl einen Berglauf gemacht. Mitten im Rennen dachte ich: „Ja mei, was machen denn die alle da vorne? Jetzt geht’s halt endlich mal zu!“ Die waren mir alle viel zu langsam, also habe ich sie in meinem ersten Wettkampf überholt.
Der erste von wie vielen?
Vielleicht 200? Da waren aber echt ein paar ganz tolle dabei. Besonders gut hat mir der Jungfrau-Marathon gefallen: 42 Kilometer, knapp 2000 Höhenmeter. Allein schon spektakulär, wenn man nur zur Jungfrau hochschaut. Währenddessen sieht man dann das berühmteste Dreigestirn der Alpen: den Eiger, den Mönch und die Jungfrau. An der Strecke schwingen die Menschen Fahnen, blasen in ihre Alphörner, bimmeln mit ihren riesigen Kuhglocken. Hier im Berchtesgadener Land bin ich überall schon hochgerannt. Auf den Watzmann, den Geisberg, den Hochries. Das waren in den 70er- und 80er-Jahren echt wilde Zeiten, als wir im Winter immer auf den Rauschberg gestapft sind. Mit Langlaufskiern wohlgemerkt.
Mit Langlaufskiern?
Früher gab es noch keine Tourenski. Also habe ich Felle zurechtgeschnitten und sie dann unten an meine Langlaufskier befestigt. Nur das Abfahren war a bisserl problematisch. Eisig sollte es nicht sein, sonst ist man schneller unten, als es einem lieb ist (lacht). Wir sind da teilweise den Berg ganz schön runtergekugelt. Nichtsdestotrotz ist für mich Langlaufen der beste Sport der Welt.
Was begeistert Sie daran so?
Zwei Sachen. Erstens die Natur. Was gibt es Schöneres, als bei strahlendem Sonnenschein und verschneiter Winterlandschaft zu sporteln? Für mich ist es das Größte. Man ist eins mit der Natur, eins mit sich. Niemand stört einen. Es gibt kein Telefon. Das Zweite ist die Technik. So einfach, wie es aussieht, ist es ja nicht. Der ganze Körper ist in Bewegung, vom linken großen Zeh bis hin zum rechten Ohr. Für meine Verhältnisse bin ich ganz ordentlich unterwegs, dennoch möchte ich immer noch besser werden.
Seit 40 Jahren gewinnen Sie ein Rennen nach dem anderen, wurden 41 Mal Deutscher Meister. Werden Sie nie ruhiger?
Gar nichts hat sich verändert. Ich will mich noch genauso schinden wie vor 30, 40 Jahren. Sobald ich am Start stehe, bin ich voll motiviert, bereit, alles zu geben, alles aus meinen 65 Kilo herauszuholen. Warum das so ist, weiß ich gar nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich ein Wettkampf-Typ bin. Ich liebe die körperliche Herausforderung, die Anspannung und das Sich-Verausgaben.
Bei den ganzen Medaillen, die Sie errungen haben, kann man schnell die Übersicht verlieren.
Es waren 30: 16 goldene, zehn silberne, vier Bronze. Und ich bin nach wie vor ehrgeizig. Am 18. März startete der Master World Cup in Seefeld, also die Senioren-WM. Da will ich natürlich was holen. Meine Freunde und Bekannten verstehen das oft nicht. „Mensch Ferdl, wie lange willst Du Dir das noch antun?“, fragen sie. Der Gottschalk hat mal gesagt, dass er froh sei, dass die Leute ihn immer noch sehen und hören wollen. Es sei daher eine große Ehre für ihn, wenn er in seinem Beruf alt werden darf. Mir geht es genauso mit meinem Sport. Der große Unterschied ist, dass ich es ja nur für eine Person auf der Welt mache: für mich. Warum sollte ich also aufhören, wenn mir der Sport so guttut?
Was war Ihr schönstes Erlebnis?
Die WM 2011 in Kanada. Vier Goldmedaillen habe ich dort abgeräumt, das war die schönste Zeit meiner Karriere. Und die lustigste. Mit dabei war mein Nachbar Herbert. Der schickte ständig tagesaktuelle Geschichten über mich in die Heimat. Ich dachte mir nur die ganze Zeit: „Was schreibt der da den ganzen Tag eigentlich?“ Erst später erfuhr ich, dass der Herbert mich „Russenschreck“ nannte. So stand es in der Zeitung. Als ich heimkam, war in Teisendorf die Hölle los. Die haben wegen mir die Straßen gesperrt, mich mit der Musikkapelle nach Hause begleitet, und am Abend sind wir noch ins Rathaus marschiert…
Mit 70 wollten Sie auf den Großglockner radeln. Haben Sie das geschafft?
Klar doch! Einmal Teisendorf hin und wieder retour. Das waren insgesamt 240 Kilometer Strecke und satte 4500 Höhenmeter. Ein paar Tage danach wollte ich dann mal 300 Kilometer an einem einzigen Tag fahren. Von hier nach Kitzbühel, Wörgl, Chiemsee, Rosenheim und wieder zurück. Das habe ich in eine WhatsApp-Gruppe geschrieben, in der auch echt gute Rennradfahrer sind, teilweise sogar noch unter 30. Die einen haben geschrieben, dass sie keine Zeit haben. Den anderen war es zu lang. Also bin ich halt alleine gefahren.
Haben Sie noch Ziele?
Eigentlich habe ich alles gemacht, was ich auf Erden machen wollte. Ich hoffe, dass es im Himmel so schön ist wie hier in Bayern. Und dass der liebe Gott a Paar Langlaufskier für mich da oben bereitgestellt hat. Und über ein gscheids Radl würde ich mich auch nicht beschweren.
Interview: Andreas Haslauer