Vor fünf Jahren hat der Landesbund für Vogelschutz in Bayern ein Projekt in den Seniorenheimen gestartet. Der Verband stellt vor einem Fenster eine Futterstation für Vögel auf, die Heimbewohner werden dazu animiert, die Tiere zu beobachten. Die Uni Eichstätt hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und untersucht, wie sich die Vogelbeobachtung auf das Wohlbefinden der Senioren auswirkt. LBV-Projektleiterin Kathrin Lichtenauer berichtet von den Ergebnissen.
Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?
Der Anstoß kam von unserem Vorsitzenden Norbert Schäffer. Er hat alte Eltern und festgestellt, dass sie sehr viel Freude daran haben, Vögel zu beobachten. Über dieses Thema konnte er gut mit ihnen ins Gespräch kommen. Sie haben ihn nach den Vögeln gefragt, er konnte ihnen vieles erklären und hat ein großes Interesse gespürt.
Warum tut das Vogelbeobachten der Seele gut?
Jeder Mensch hat eine genetische Veranlagung zur Naturbeobachtung. Das löst in jedem etwas aus. Und Senioren in den Heimen sind für Vogelbeobachtung noch empfänglicher, weil sie ja selbst meist keine Waldspaziergänge oder Ähnliches mehr unternehmen können. Wir versuchen, ihnen mit unseren Futterstationen ein bisschen Natur vors Fenster zu holen. Vögel sind Wildtiere, sie kommen freiwillig. Und niemand hat eine Abneigung gegen Vögel. Im Gegenteil: Sie strahlen so viel Lebensfreude aus. Zum Beispiel Spatzen, das sind so lustige Tiere.
War es leicht, Pflegeheime für Ihre Idee zu gewinnen?
Wir wollten unser Projekt von Anfang an wissenschaftlich begleiten lassen und haben dafür die Uni Eichstätt ins Boot geholt. Die Heime mussten auch mitarbeiten, sie mussten Fragebögen ausfüllen. Am Anfang hatte ich deswegen fast ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, wir würden die Pflege mit mehr Arbeit belasten. Dann habe ich aber erfahren, dass die Betreuer dafür zuständig sind. Deshalb war das kein Problem, die Daten zu bekommen. Wir haben angefangen mit 20 bis 30 Heimen pro Jahr. Dann sind immer mehr von selbst auf uns zugekommen. Inzwischen sind es 80 Einrichtungen.
Wie genau läuft das Projekt ab?
Die Heime bewerben sich online mit einem Formular von unserer Internetseite. Das landet dann auf meinen Schreibtisch. Sie bekommen einen Anruf von mir, wir vereinbaren einen Termin zum Gespräch. Mir ist es wichtig, dass das ganze Team in der Einrichtung von dem Projekt erfährt. Auch für die Bewohner gibt es einen Vortrag von mir, sie sollen ja wissen, welche Vögel kommen können. Dann stellen wir die Futterstation vor einem Fenster auf. Wir liefern auch ein Starterpaket Vogelfutter, die Senioren und ich befüllen die Station gemeinsam. Das sind immer schöne und berührende Momente.
Wie offen sind die Senioren für Ihre Idee?
Das ist unterschiedlich. Aber die Vogelbeobachtung wird in den Heimen auch ins Beschäftigungsangebot integriert, dadurch ist sie sehr präsent. Es wird ein eigenes Vogelfenster eingerichtet, das mit einem bunten Aufkleber markiert ist. Die Futterstation stellen wir direkt davor auf. Am Fenster liegen auch Faltblätter mit Informationen zu den Vögeln. Oft beteiligen sich die Heime dann auch an unserer Stunde der Wintervögel oder der Gartenvögel.
Was sagen die Forscher von der Uni, welche Auswirkungen hat das Projekt auf die Senioren?
Ihr Wohlbefinden ist nachweislich gefördert worden. Man konnte auch nachweisen, dass die geistigen Fähigkeiten gesteigert werden. Und ihre Mobilität hat sich verbessert – zum Beispiel, weil sie häufiger ihr Zimmer verlassen, um sich ans Vogelfenster zu setzen.
Ihr Projekt läuft seit 2017. Ist es in der Pandemie-Zeit für die Bewohner noch wertvoller geworden?
In meinen Augen schon. Wir durften ja zeitweise nicht mehr in die Heime kommen, sind aber sehr kreativ geworden. Ich habe Vorträge aus Kapellen mit Fernsehübertragung gehalten oder draußen im Schneeregen und der Ton wurde nach drinnen gesendet. Ich glaube, dass die Senioren in dieser Zeit besonders dankbar für die Abwechslung waren.
Wird Ihr Projekt gefördert?
Ja, weil es ein Präventionsprojekt ist, wird es von den Pflegekassen gefördert. Diese Förderung läuft allerdings Ende des Jahres aus. Wir hoffen, dass es danach weitergeht. Es wäre unglaublich schade, wenn wir das Projekt beenden müssten.
Interview: Katrin Woitsch
Alle Infos zum Projekt
mit den Namen „Alle Vögel sind schon da“ gibt es beim LBV auf der Seite www.lbv.de/allevoegel