München – Nur etwa eine Viertelstunde blieb Ernst Weidenbusch Zeit, Sachthemen ansprechen. „Genetische Defekte“ beim Rotwild und stärker noch „Inzucht“ beim Steinwild an der Benediktenwand machen den Jägern Sorgen. Und außerdem ärgern sie sich, dass die Landratsämter die Jagdzeit beim Rehwild immer weiter ausdehnen. So zumindest sieht es der Jägerchef. Doch diese Themen wurden am Samstag von den über 700 Delegierten in der Freiheitshalle in Hof hintangestellt. Sehr viel mehr Zeit verwandten sie darauf, interne Streitereien auszutragen.
Einig waren sie nur kurze Zeit – als sie dem ehemaligen Jägerchef Jürgen Vocke, 79, mit nur wenigen Gegenstimmen die Ehrenpräsidentschaft verliehen. Zwar hatte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW), selbst Jäger, in einem Grußwort mit betont markigen Worten („Wir essen nicht nur Grünzeug, obwohl wir Grünzeug tragen“) noch ein faires Miteinander gewünscht. Doch das verhallte ungehört. Streckenweise versank der Verband am Samstag in einem verbissen geführten Kleinkrieg um Satzungsfragen.
„Juristische Winkelzüge“ beklagte auch Weidenbusch – der Verband gebe in der Öffentlichkeit ein „katastrophales Bild“ ab. Auslöser des Konflikts war ein Antrag der Kreisgruppe Dachau, der die Abwahl Weidenbuschs zum Ziel hatte. Kreischef Ernst-Ulrich Wittmann wirft Weidenbusch selbstherrliches Gebaren vor. Zuletzt eskalierte ein persönliches Aufeinandertreffen bei einer Jagdmesse in gegenseitig gestellten Strafanzeigen.
Nachdem das Präsidium nach teils chaotischen Diskussionen über die Art der Abstimmung – offen oder geheim, gebündelt oder in Einzelwahlgängen – mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit entlastet worden war, ergriff Wittmann das Wort. Er und andere Delegierte warfen Weidenbusch in der Ausspracherunde vor, einzelne Kreisgruppen „ausgegrenzt“ zu haben. „Wir sind in einer Krise, die wir seit der Gründung 1946 nicht hatten“, sagte Wittmann. Ähnlich der Vorsitzende der Traunsteiner Jäger, Josef Freutsmiedl, der von einer „vergifteten Entwicklung auf Präsidiumsebene“ berichtete. Sie ernteten viel Applaus –aber es gab auch Stimmen, die den Präsidenten energisch verteidigten, die von „Stimmungsmache“ und „Schmutzkampagne“ sprachen. O-Ton eines Redners: „Ich könnte abkotzen.“
Auffällig war, dass der von den Weidenbusch-Gegnern auserkorene Gegenkandidat, der oberfränkische Sägewerksbesitzer Ludwig von Lerchenfeld, in der Versammlung gar nicht zu Wort kam. Stattdessen sprang Vize-Präsident Roland Weigert, ein Freier Wähler, Weidenbusch zur Seite. Er nannte die Vorwürfe „ehrabschneidend“ und beschwor die Einigkeit der „bürgerlichen Mitte“ aus CSU und FW – nur sie vertrete die Jäger. Auch Weidenbusch verwies auf die angeblich wahren „Feinde der Jagd“: den Tierschutzverein Peta, die Grünen und Tendenzen zur generellen Entwaffnung.
Die Abwahl Ernst Weidenbuschs scheiterte schließlich nach fast zweistündiger Aussprache – doch das Ergebnis für den CSU-Landtagsabgeordneten war alles andere als berauschend: 392 von 706 abgegebenen Stimmen, das waren magere 55 Prozent. 291 Delegierte waren für die Abwahl, bei neun ungültigen Stimmen und 14 Enthaltungen.
Noch knapper fiel die Wahl über die Zukunft von Robert Pollner aus dem Landkreis Mühldorf aus – der Beisitzer im Vorstand ist von Weidenbusch zum ehrenamtlichen Generalsekretär ernannt worden und nach der fristlosen Kündigung des BJV-Geschäftsführers eine wichtige Stütze Weidenbuschs im Alltagsgeschäft. Wittmann hatte Pollner im Vorfeld der Versammlung heftig angegriffen – und der keilte in einem Redebeitrag zurück. „Ich lasse mich nicht von Ihnen beleidigen, und da brauchen Sie nicht zu grinsen“, sagte er in Richtung des Dachauers.
Nur mit Ach und Krach – die Versammlungsleitung ließ sicherheitshalber noch mal nachzählen – überstand er mit 352 zu 348 Stimmen den Abwahlantrag. Weidenbusch, der vor den Abstimmungen auf seine „Verhandlungskunst und richterliches Wissen“ verwiesen hatte, wirkte danach sehr demütig. Er räumte Fehler ein und betonte: „Mir ist jede Kreisgruppe wichtig.“