Neufahrn – In einem kleinen Büro im dritten Stock des Oskar-Maria-Graf-Gymnasiums – kurz OMG – in Neufahrn jongliert Ingeborg Schraml-Huber mit Schülerlisten und Einsatzplänen. Es ist wie an jedem Tag: ein alltäglicher Wahnsinn. 165 Schüler sind an dem Gymnasium im Landkreis Freising zur Nachmittagsbetreuung angemeldet. Das heißt: Sie gehen nach 13 Uhr erst zum Mittagessen, danach sind Hausaufgaben dran und etwas Freizeit. Schulschluss 16 Uhr statt 13 Uhr. Irgendwas ist immer. Jetzt gerade recherchiert Schraml-Hubers Stellvertreterin Beate Rockel einem Schüler hinterher, der einfach nach Hause gegangen ist. Eine E-Mail an die Mutter geht raus.
Nachmittagsbetreuung – das kennt man vor allem von den Grundschulen. Ein gutes Drittel aller Grundschüler nutzen in Bayern ein Ganztagsangebot etwa im Hort, weitere 22 Prozent bleiben zumindest über Mittag. Die Zahl dürfte weiter zunehmen, denn ab dem Schuljahr 2026/27 gibt es, zunächst nur für die 1. Klasse, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz – auch am Freitag (was bisher unüblich ist) und (bis auf einige Wochen) auch in den Ferien. Schon jetzt schlagen die kommunalen Spitzenverbände Alarm, da Fachkräfte zur Betreuung der lieben Kleinen fehlen.
Und so ähnlich ist die Lage auch an den Gymnasien. Zwar ist ein Rechtsanspruch für die älteren Kinder ab 5. Klasse aufwärts nicht in Sicht, sagt Harald Renz, Vorsitzender des Landesverbands der Kita- und Schulfördervereine Bayern. Die Nachfrage steigt aber auch bei den weiterführenden Schulen. Die Zuschüsse, die der Freistaat gewähre, hätten indes mit der Erhöhung des Mindestlohns nicht Schritt gehalten. „Teilweise wird Personal abgebaut.“ Oft müssen – wie in Neufahrn – Fördervereine Geld zuschießen. Eltern müssen nicht befürchten, dass steigende Beiträge auf sie zukommen – bis auf das Mittagessen ist alles kostenlos. Doch sorgt sich Renz vor steigender Anspruchshaltung. Es gibt Stimmen, nach der pädagogisch ausgebildetes Fachpersonal, am besten sogar Lehrer, die Nachmittagsbetreuung übernehmen sollten. Wie das angesichts des Lehrermangels gehen soll, ist Renz schleierhaft.
In Neufahrn kümmert sich ein ganzer Stab von Betreuern und Betreuerinnen um die insgesamt sieben Gruppen für Fünft- bis Achtklässler. Sie werden tageweise zugeteilt. Ab 14 Uhr ist Lernzeit, ab 15 Uhr Zeit für sonstiges. Tischtennis, Basteln, Theater. Schach wird auch sehr gerne gespielt. Heute hat Betreuerin Brigitte Hepting Dienst: „Ich bin hier der Ernährungsmensch“, sagt die studierte Diplom-Ökotrophologin. Sie kümmert sich um den Schulgarten und beschäftigt die Kinder mit Ernährungsprojekten. Fünf Fünftklässler sitzen am Tisch, Till, Fynn, Luisa, Helena und Viktoria säen heute Kresse an.
Draußen auf dem Flur steht ein weiterer Betreuer, Gerd Salmutter, 68: Er muss gleich mehrere Räume im Blick haben, dazu noch die Tischtennisgruppe im Flur. Immer wieder rennen Kinder mit Vollgas durch den Flur, Salmutter muss ausweichen. „Ich verhalte mich unauffällig“, sagt Salmutter. „Hauptsache, es passiert nichts.“
Nur aus Spiel und Spaß besteht so ein Nachmittag in der Schule nicht. Betreuer Johannes Binesmeier (18) einen Raum weiter hat erst im vergangenen Jahr am OMG Abitur gemacht und jobbt jetzt als Nachmittagsbetreuer – später will er studieren. Er schaut auf einen Zettel: 6c, 6e, 7d – Schüler aus drei Klassen sitzen in dem Raum, Johannes wacht vorne am Pult, dass nichts außer Kontrolle gerät. Die Schüler machen Hausaufgaben. Sie sollten „vollständig“ in der Ganztagsschule erledigt werden, sagt die Organisationschefin Schraml-Huber. Das werde auch den Eltern zugesichert. „Wir können aber nicht garantieren, dass alle ihre Vokabeln lernen“ – auch wenn es manchen Eltern vielleicht ganz recht wäre, wenn sie sich gar nicht um die Schule kümmern müssten.
Podiumsdiskussion
„Ganztagsbetreuung in Bayern. Wie können wir den steigenden Bedarf erfüllen?“, ist der Titel einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 16. März, ab 20 Uhr im Gymnasium Neufahrn (Keltenweg 5). Es diskutieren u.a. Sozialministerin Ulrike Scharf und Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze. Moderation: Redakteur Dirk Walter.