München/Benediktbeuern – 1959 war es nur einer, ein prächtiger Steinbock, der aus dem Bächental am Achensee zugewandert war und den die Einheimischen nur den „Alten“ nannten. Eine Laune der Natur – und eine Chance: 1967 kam der Zuwachs per Hubschrauber, vier Steinböcke aus einem Wildgehege in der Schweiz. Heute leben geschätzt 80 bis 100 Steinböcke im Gebiet der Benediktenwand. Aber es gibt ein Problem: Die Steinwild-Kolonie im Tölzer Land ist isoliert, die nächste Population, etwa am Brünnstein bei Oberaudorf, weit weg. Inzucht bedroht den Bestand, amtlich festgestellt durch das Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Uni Zürich.
Daher sollen jetzt Tiere aus der Schweiz für eine Blutauffrischung sorgen. Forstministerin Michaela Kaniber hat am Dienstag die Genehmigung erteilt. „Unserem Steinwild an der Benediktenwand soll es auch in Zukunft gut gehen. Deshalb greifen wir dort der Population gezielt unter die Arme“, betont die Ministerin.
Iris Biebach von der Uni Zürich erklärt die geplante Vorgehensweise. Sieben Geißen im Alter zwischen zwei und sechs Jahren sowie drei junge Böcke sollen im April im Schweizer Wallis eingefangen werden, wenn die Tiere üblicherweise talwärts gehen, um an das Gras schon schneefreier Gebiete zu kommen. Die Zahl der weiblichen Tiere überwiegt, da es bei Geißen sicher ist, „dass sie sich vermehren und die Walliser Gene in die bestehende Population bringen“, sagt Biebach. Die Tiere sollen von Walliser Wildhütern mit einem Narkosegewehr betäubt werden. Es folgt eine Blutuntersuchung – etwa auf Blauzungenkrankheit und Gämsblindheit –, danach dürfen sie nach Deutschland exportiert werden. „Das wird mit Tiertransportern passieren“, sagt Wolfgang Morlang, Kreis-Chef der Tölzer Jäger. Auch an der Benediktenwand soll es mit Fahrzeugen möglichst hoch hinauf gehen, ehe die Tiere dann freigelassen werden. Er geht davon aus, dass dies nach Ostern stattfinden könnte, sagt Morlang.
Bezahlt werden soll die etwa 100 000 Euro teure Umsiedlung aus der Jagdabgabe, die dem Jagdverband zusteht. Zehn Prozent sind Spenden, berichtet Morlang. Die Kreisgruppe des bayerischen Jagdverbands hatte den Antrag zur Umsiedlung gestellt. Zwei Jahre lang zog sich das Verfahren hin. Die Genehmigungs sei aufwendig und zeitintensiv gewesen, sagt Ministerin Kaniber. „Von einer reinen Formsache waren wir hier weit entfernt.“ Das lag auch daran, dass der Oberste Jagdbeirat im Landwirtschaftsministerium kritische Fragen hatte.
Eine der intensiv diskutierten Fragen war die nach den Auswirkungen auf den Wildverbiss. Mehr Steinwild bedeutet fast automatisch auch mehr Verbiss. Der Bund Naturschutz, der auch im Beirat sitzt, bestand darauf, dass im Gegenzug der Rotwildbestand in dem Gebiet abgesenkt werde. Die Abschusszahlen im Isarwinkel blieben zuletzt unter den Vorgaben, kritisierte BN-Chef Richard Mergner. „Es darf zu keiner negativen Beeinflussung der Waldverjüngung kommen“, sagt auch Korbinian Wolf vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen. Die Schweizer Tiere werden am Ohr individuell markiert. Das Steinwild wird auch mit Zählungen überwacht. „Bei unerwarteten Entwicklungen sind zudem Berichtspflichten an die zuständige untere Jagdbehörde vorgesehen“, betont das Ministerium.
Der Jagdbeirat hatte dieses intensive Monitoring zur Bedingung gemacht. In etwa zehn Jahren soll die Population „wissenschaftlich unter die Lupe genommen werden“, wie Kaniber berichtet.
Nun geht es aber zunächst an die Vorbereitung der Auswilderung: „Die Arbeit der vergangenen zwei Jahre war anstrengend. Ich freue mich, wenn sie zu einem guten Abschluss kommt.“