Der Bayer, der seit 100 Jahren Ski fährt

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Oberstaufen/Aspen – Das Abenteuer beginnt mit einer Walnussholzkiste und einer großen Portion Erfindergeist. Klaus Obermeyer ist drei Jahre alt, in Oberstaufen im Allgäu liegt herrlicher Schnee. Also nimmt er seine besten Schuhe und nagelt sie auf zwei Holzlatten. Mit seiner Konstruktion kommt er nur ein paar Meter weit – doch weder die blauen Flecke, noch die Standpauke seiner Mutter wegen der ruinierten Schuhe können ihm die Freude über seine erste Skifahrt nehmen. „Das war ein wunderbarer Luxus“, schwärmt er noch heute.

Klaus Obermeyer ist im Dezember 103 geworden. Er steht seit einem Jahrhundert auf Skiern. Und noch immer geht ihm dabei das Herz auf wie damals bei seiner ersten Fahrt. Allerdings jagt er nicht mehr die Allgäuer Berge hinunter, sondern die im Skiort Aspen im US-Bundesstaat Colorado. 1947 ist Obermeyer ausgewandert.

In Bayern findet der Flugzeugbau-Ingenieur nach dem Krieg keine Arbeit. Friedl Pfeifer, ein befreundeter Skirennläufer, lebt bereits in Aspen. „Das war damals eine verlassene Bergwerk-Stadt“, erinnert sich Obermeyer. Dort leben mehr Hunde als Menschen – aber es gibt traumhafte Berge und jede Menge Schnee. Er ahnt sofort, dass er an einem besonderen Ort gelandet ist. Aber er kann noch nicht ahnen, wie er diesen Ort prägen würde.

Sein Freund Friedl hat in Aspen gerade einen Einser-Sessellift fertiggestellt. Es kommt, wie es kommen muss: Klaus Obermeyer wird Skilehrer. Zu seinen Schülern gehören Hollywood-Stars wie Ingrid Bergman und Gary Cooper. Doch die Skiwelt ist noch eine andere. Der 28-Jährige beobachtet, wie seine Schüler in langen Wintermänteln im Lift den Berg hochfahren, Skijacken gibt es noch nicht. Skifahren im Mantel geht natürlich nicht, deshalb werden die Mäntel im Lift wieder nach unten geschickt. Klaus Obermeyer erkennt sofort, dass er seine Schüler auf der Piste warm halten muss. Und wieder hilft ihm dabei sein Erfindergeist: Seine Mutter hatte ihm eine warme Daunendecke geschickt, daraus schneidert er den ersten Daunen-Anorak der Welt. Gary Cooper ist so begeistert, dass er sie ihm für 250 Dollar abkauft. „Ein Wahnsinn“, sagt der 103-Jährige und lacht sein lautes Obermeyer-Lachen, als er am Telefon in bairischem Dialekt von dieser Zeit erzählt.

Der Daunen-Anorak ist schnell perfektioniert und wird in Serie produziert. Klaus Obermeyer hat Zeit für neue Innovationen. Wenn er nicht unterrichtet, tüftelt er an weiteren Verbesserungen der Ausrüstung. Er will das Skifahren bequemer machen, es soll für alle ein so großes Vergnügen sein wie für ihn. Dafür bringt der Ingenieur eine Erfindung nach der anderen auf den Markt: die Skibremse, zweiteilige Skischuhe mit Innenschuh und harter Außenschale, Sonnencreme speziell für die Piste, verspiegelte Sonnenbrillen, doppelschichtige Schneebrillen. Aspen entwickelt sich zum Wintersport-Mekka. Und Klaus Obermeyer zum Unternehmer, er gründet die gleichnamige Sportmodenfirma.

Das alles liegt Jahrzehnte zurück – doch an seinem Alltag hat sich kaum etwas geändert. Ruhestand ist nichts für Männer wie Klaus Obermeyer. Noch immer steht er bei jeder Gelegenheit auf Skiern, fast täglich. In Aspen erkennen sie ihn oft schon von Weitem – denn wenn er seine Schwünge zieht, passiert es ihm oft, dass aus purer Lebensfreude ein Jodler aus ihm herausbricht. „Ich bin überzeugt, das Jodeln ist beim Skifahren erfunden worden.“

Manchmal fehlt ihm seine bayerische Heimat – obwohl er in den USA sein persönliches Ski-Paradies gefunden hat. „Besonders den bairischen Dialekt vermisse ich.“ Zuletzt war er zu seinem 100. Geburtstag in Oberstaufen. Damals nahm er sich vor, mindestens 103 zu werden. Er wollte sein 100. Skijubiläum feiern. „Der viele Sport hält mich gesund.“ Obermeyer hat nicht nur auf Skiern eine unerschöpfliche Energie, er schwimmt auch jeden Tag eine halbe Meile. Vor Kurzem hat er mit dem Kampfsport Aikido angefangen. „Jeder Tag ist für mich wie ein Tanz“, sagt er und fügt sein lebensfrohes Lachen hinzu.

Manchmal hat er sich gefragt, wie sein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn er in Bayern geblieben wäre. Die Antwort darauf hat er längst gefunden. „Wahrscheinlich wäre alles ganz ähnlich gekommen.“ Der Schnee ist nun mal sein Element. Das war schon vor 100 Jahren klar.

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