Volle Tierheime durch die Corona-Hunde

von Redaktion

Viele Tiere wurden nach Pandemie-Ende abgegeben – die Besitzer waren oft überfordert

München/Dachau – Die Pandemie hat aus vielen Menschen Hundebesitzer gemacht. Allein im ersten Corona-Jahr zogen laut des Industrieverbands Heimtierbedarf 600 000 Hunde in deutsche Haushalte ein. Heute leben viele von ihnen im Tierheim. „Es handelt sich meist um große, bewegungsfreudige Tiere, die nicht sehr gut erzogen und noch relativ jung sind“, sagt Kristina Berchtold, Sprecherin des Münchner Tierheims. Diese Hunde kommen jetzt in die Flegeljahre, die Probleme der Halter würden immer größer. „Viele geben als Abgabegrund Überforderung an“, berichtet sie.

101 Hunde leben derzeit in den Münchner Gehegen, die Warteliste ist mit zwölf Hunden ebenfalls gut gefüllt, bestätigt die Leiterin des Münchner Tierheims Eva Natzer. „Im Sommer werden traditionell mehr Tiere abgegeben, das wird die Lage weiter verschärfen“, prognostiziert Berchtold. Dennoch versprechen beide: „Wir lassen kein Tier im Stich. In bedrohlichen Lagen finden wir immer eine Lösung.“

Auch Silvia Gruber, die Vorsitzende des Dachauer Tierheims, erreichen gerade extrem viele Anfragen. Unerfahrene Hundebesitzer sind mit dem Tier überfordert und wollen es bei Gruber abgeben. Viele kommen aus Dachau, noch mehr aus den angrenzenden Kreisen Fürstenfeldbruck und München. „Natürlich gibt keiner zu, dass es sich um Corona-Hunde handelt“, sagt Gruber. Die verzweifelten Hundehalter schieben Gründe wie Verhaltensprobleme vor.

Um Spontankäufe zu vermeiden, fordern Tierschützer seit Langem einen Sachkundenachweis vor der Anschaffung eines Hundes. Das würde auch den illegalen Welpenhandel eindämmen. Über soziale Netzwerke und Kleinanzeigen-Plattformen im Internet bieten Kriminelle Tiere an, die meist in Osteuropa gezüchtet und viel zu jung von der Mutter getrennt werden. Diese Welpen sind meist krank und leiden später wegen der fehlenden Sozialisation unter Verhaltensstörungen.

Statistiken, wie viele Hunde abgegeben werden, gibt es nicht. Der deutsche Tierschutzbund berichtet, dass seit dem Sommer 2021 vermehrt Hunde, vor allem große, ins Tierheim kommen. In einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im Frühjahr 2022, also nach der Aufhebung der Homeoffice-Pflicht, gab jeder vierte befragte Tierhalter an, Probleme mit der Betreuung seines Haustieres zu haben. Jeder Fünfte bereute die Anschaffung. Mehr als die Hälfte hätte sich gewünscht, zuvor mehr über die Haltung des Tieres gewusst zu haben. Acht Prozent sagten sogar, sie müssten ihren Vierbeiner wieder abgeben. „Viele versuchen, privat eine Lösung zu finden“, sagt Kristina Berchtold. Ins Tierheim kommen dann die Hunde, die auf dem freien Markt schwer vermittelbar sind: Die großen und die eher schwierigen. In der Pandemie waren die Hundeschulen zu, viele Corona-Hunde haben daher keine gute Kinderstube genossen. Im Tierheim wird versucht, die Tiere nachträglich zu erziehen, um die Vermittlungschancen zu erhöhen. Kristina Berchtold ist optimistisch, sie sagt: „Durch das Trainingsprogramm können wir viel verbessern.“

SUSANNE STOCKMANN JANNIS GOGOLIN

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