Der Bazar der Menschlichkeit

von Redaktion

Margot Kraft hat seit 30 Jahren Multiple Sklerose – ehrenamtlich hilft sie anderen Betroffenen

München – Die „lange Dürre“ wurde sie genannt. Und wenn Margot Kraft als junge Frau – 1,79 Meter groß, 59 Kilo schwer – wieder mal hingefallen ist, haben alle gesagt, dass sie mit ihren langen Haxen „anders“ laufen muss. „Ich glaube, dass sich meine Erkrankung schon damals gezeigt hat“, sagt Kraft, heute 71 Jahre alt. Vor 30 Jahren hat die Münchnerin die Diagnose Multiples Sklerose (MS) bekommen. Das Brennen am ganzen Körper hatte sie bis dahin immer schon begleitet.

MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Bei gesunden Menschen sind die Nervenfasern von Schutzhüllen umgeben. Sie leiten Daten, mit denen das Gehirn den Körper steuert, weiter. Bei MS zerstören körpereigene Immunzellen die Schutzhülle in Gehirn und Rückenmark, was die Weiterleitung verlangsamt oder unterbricht. Je nachdem, wo sie verletzt ist, treten Beschwerden auf. Es kommt zu „Kurzschlüssen“ – Gleichgewichts- und Sehstörungen, tauben Arme und Beine, Zittern, Spastiken, Lähmungen.

Am 1. November 1993 stolpert Margot Kraft nicht. Sie kann nicht mehr aufstehen. Ihre linke Körperhälfte ist gelähmt. Ein schwerer Schub, sagen die Ärzte, als sie der 41-Jährigen mitteilen, dass sie MS hat. Ein Medikament gibt es nicht, etwas später nimmt Kraft in einem Pilotversuch eines, das bis heute auf dem Markt ist. MS ist nach wie vor nicht heilbar, der Verlauf individuell, unvorhersehbar. So heißt MS auch die Krankheit mit 1000 Gesichtern.

„Damals hat es mich viel Mühe gekostet, wieder aufzustehen“, sagt Kraft. „Und mit Mühe bin ich immer noch da.“ MS heißt in Krafts Fall: Mal Bergsteigen, voll im Beruf in einer Unternehmensberatung aufgehen, aber auch mal alle Pläne absagen, weil ein Schub über Nacht jede Freiheit raubt. Mal so viel Kortison kriegen, dass man zehn Kilo Wasser einlagert.

Eine Freundin – die MS-Diagnose bekam sie fast zeitgleich wie Kraft – ist vor zehn Jahren an einem Schub gestorben. Auch das heißt MS: mit dem Unberechenbaren leben. In Deutschland tun das 252 000 Betroffene, davon 72 Prozent Frauen. Sie erkranken laut Internationaler MS-Vereinigung doppelt so oft, meist zwischen 20 und 40.

„Ich versuche das Beste draus zu machen“, sagt Kraft, die an schlechten Tagen nur mit zwei Stöcken geht und für längere Wege einen Rollstuhl braucht. „Als ich die Diagnose bekam, war mein Sohn drei Jahre alt und sagte: Steh auf, du hast nur ein bisschen MS.“ Diesen Schubs geben Dennis und Ehemann Roy Margot Kraft seither immer wieder. Seit 15 Jahren fahren sie Snowboard, während Kraft im Hotel bleibt. Ihre Schmerzen sind chronisch, die Nerven geschädigt. „Ich hatte schon viele Gurken im Gesicht“, sagt sie und lacht. „Aber meine Männer sollen wegen mir auf nichts verzichten müssen. Bei anderen MS-Frauen habe ich gesehen, wie viele sich verzupft haben.“

Die Lebenswege der Betroffenen sind ganz unterschiedlich. Die Deutsche Multiple- Sklerose-Gesellschaft vermittelt Spezialkliniken – und unterstützt bei Rechtsfragen oder beim behindertengerechten Wohnungsumbau. Kraft ist Mitglied und auch Leiterin des MS-Bazars in München. Gemeinsam mit 30 Ehrenamtlichen sammelt sie Spenden und verkauft Second-Hand-Kleidung, Deko, Schuhe, Bücher und Spielzeug auf sechs Basaren pro Jahr. Den MS-Bazar gibt es seit 1973. Heute hat er 850 Quadratmeter und ist einer der größten, ehrenamtlich geführten Wohltätigkeitsbazare in Deutschland.

Der Erlös geht an die DMSG – und in den Topf, mit dem das Bazar-Team selbst bedürftige Erkrankte unterstützt. „Zuletzt haben wir zwei jungen, schwer erkrankten Frauen Elektro-Dreiräder besorgt“, sagt Kraft. „Manchmal bezuschussen wir den Autoumbau, manchmal füllen wir Kühlschränke.“ Nicht selten geraten Erkrankte in finanzielle Not, haben keinen sozialen Rückhalt. „Ich hatte Glück mit meinem Beruf und meiner Familie, sagt Margot Kraft. „Ich will etwas zurückgeben.“ CORNELIA SCHRAMM

Der nächste MS-Bazar

findet am 24. März (13-18 Uhr) und 25. März (11-17 Uhr) in der Martin-Kollar-Straße 10/12 (Halle C) in München statt.

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