NATALIAS NEUANFANG

Alte Wunden

von Redaktion

Ich suchte einen Platz im Café „Gans am Wasser“ im Westpark, um ein Buch zu lesen. Plötzlich hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Schon bevor ich wusste, wer es war, freute ich mich. So was ist für mich immer ein Ausdruck von Zugehörigkeit. Es fühlt sich wie zu Hause sein an. Ich drehte mich um und sah eine bekannte Frau. Sie kam lächelnd auf mich zu. Ich habe Elisabeth vergangenen Sommer zufällig in diesem Café kennengelernt. Damals unterhielten wir uns über ihre baierische Muttersprache, über Identität und Leben in München. Sie hat mir neue baierische Ausdrücke beigebracht. Diesmal haben wir über den Krieg gesprochen.

Elisabeth wurde 1947 in Friedenszeiten geboren. Doch ihre Eltern konnten sich ihr Leben ohne Krieg gar nicht vorstellen. Sie hatten immer Angst, dass wieder ein Krieg ausbricht. Im Café beobachtete Elisabeth die jungen Leute, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern. Sie selbst war mit der ständigen Angst vor einem neuen Krieg aufgewachsen. Und jetzt ist diese Angst durch den Krieg in der Ukraine bei ihr wieder da. Ihre Worte waren für mich eine Bestätigung dafür, wie sehr dieser Krieg jeden von uns getroffen hat. Es gibt viele Deutsche, die wie Elisabeth mit Kriegsangst aufgewachsen sind. Unser Krieg hat ihre alten Wunden wieder aufgerissen. Elisabeth sagte mir, es helfe ihr, raus in die Natur zu gehen und unter Menschen zu sein, mit denen sie über ihre Angst reden kann. „Ich mache nur Sachen, die mir guttun. Ich darf mir erlauben, dass es mir gut geht. Trotz des Krieges“, betont sie. Während unseres Gesprächs lächelte Elisabeth die ganze Zeit. Ich hörte ihr voller Bewunderung zu. Sie strahlte so viel positive Energie und Lebenslust aus.

Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, nicht nur in München zu leben, sondern hier auch so wunderbare Menschen kennenzulernen. Ich glaube, wir alle müssen Dinge machen, die uns guttun – vor allem in so schwierigen Zeiten wie jetzt.

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