Aus einem Virus wird Kunst

von Redaktion

Der Garmisch-Partenkirchner Bildhauer Stefan Ester gestaltete einen Corona-Gedenkort

VON MAGDALENA KRATZER

Garmisch-Partenkirchen – Gerechnet hätte er damit nie. Erst drei Tage vor Abgabe fing Stefan Ester mit seinem Entwurf an. Zufällig erfuhr der Garmisch-Partenkirchner vom Wettbewerb „Ars Liturgica“ des Bistums Essen. Es ging um die Gestaltung eines Corona-Gedenkortes. Stefan Ester hatte gleich ein Bild im Kopf. Und machte sich an die Arbeit. Er verschweißte Stahlrohre und ordnete sie in einem begehbaren Halbkreis an. „Wie die Dornenkrone Christi“, sagt er. Mit seiner Krone belegte er den zweiten Platz. Auf Latein übersetzt heißt Krone Corona. Damit beschäftigte sich der Bildhauer seit zwei Jahren.

Als das Virus ins Werdenfelser Land kam und der erste Lockdown die Geschäfte und Cafés schloss, war Stefan Ester viel zu Hause. Ausstellungen und Symposien fanden nicht statt. Der Künstler mit den tätowierten Armen machte trotzdem weiter. Er setzte sich mit dem Virus auseinander. Mit Aufbau und Optik. Ester verwandelte zehntausende Holzkugeln in Skulpturen. Zehntausende Schicksale. „The story behind pan“, hieß die erste Ausstellung. Geschichten hinter der Pandemie.

Zum Beispiel die seines italienischen Freundes, den er beim Motorradfahren kennengelernt hatte. Während der Vater im Sterben lag, konnte er nicht zu ihm. „Wir telefonierten alle zwei Tage“, erinnert sich Ester. Außer zuhören konnte er nichts machen. „Ich habe damals erst mal mitbekommen, was das Ganze bedeutet“, sagt er. Seine eigene Mutter, die er heute noch liebevoll „Mam“ nennt, starb wenige Monate später. Ein großer Verlust für ihn und seine Schwester. „Sie glaubte immer an mich.“ Als er ihr mit 17 verkündete, dass er das Gymnasium schmeißen und lieber auf die Bildhauerschule in Oberammergau gehen möchte, unterstütze seine Mutter ihn. Später, als er in einem seiner vielen Wutanfälle seine Skulpturen in den Ofen schmeißen und aufgeben wollte, trat sie ihn in den Hintern. Obwohl sie alleinerziehend war, unterstützte sie ihre Kinder immer. „Sie war eine starke Frau.“ Sie setzte sich ein, gründete die erste Umweltschutzpatrouille in der Region und arbeitete mit schwer erziehbaren Jugendlichen. Ihren Sohn nahm sie mit auf Rockkonzerte.

Seine Mutter war es auch, die ihn 1989 ermunterte, sich als freischaffender Künstler selbstständig zu machen. In seiner Werkstatt stank es oft während seiner Experimente. Stefan Ester arbeitete mit Kupfer und Kunstharz. Bronze und natürlich Holz. Er bewarb sich auf Symposien. Lernte Galeristen kennen. Stellte aus. Reiste um die Welt. Es gab Zeiten, in denen er nur noch mit dem Flieger unterwegs war. Einmal kam er aus Sibirien, am nächsten Tag ging es nach Kanada. „Eines ergibt das andere, man muss einfach anfangen.“ Heute ist er Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler.

Im seinen Arbeiten finden sich immer beide Seiten. Das Negative hat immer auch gute Seiten und anders herum. Die Streben seiner Dornenkrone zeigen nach oben. „Ich möchte die Dinge offenlassen“, sagt Ester. Seine Skulptur „Die Welle“ zeigt das Auf und Ab des Lebens. Wasser ist für ihn schon immer ein faszinierendes Element. Darum fing er in den späten 80er-Jahren auch an, mit Eis zu arbeiten. Bei minus 20 Grad sägte er in Colorado an meterhohen Eisskulpturen. In Grönland saß er bei Schnaps und rohem Fisch mit den Inuits beisammen. In Paraguay tauschte er sich mit den Indios aus. In Chaco, Argentinien, wurde er an einem Abend zum Superstar. Stefan Ester erinnert sich noch heute genau an dem Moment als ein Bärtiger im Nadelstreifenanzug vor 13 Jahren den Zettel in der Hand hielt. Er weiß noch genau, wie er innerlich fluchte und dachte, er hätte es vergeigt. Sein „Moses“, 4,80 Meter hoch aus Eisenholz, wäre nicht gut genug.

Als er den Jurypreis der Biennale umklammerte und tausende Zuschauer laut „Esteban!“ riefen, taumelte er. Dann gewann er auch noch den Künstlerpreis. Gerechnet hätte er damit nie.

Die ArtMuc

Bis Sonntag sind Stefan Esters Werte auf der Münchner Kunstmesse Art Muc (Ingolstädterstr. 45) zu sehen.

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