München – Die Eltern von Laura und Severin Lucks werden große Augen machen, wenn sie heute ihre Zeitung sehen: Da stehen ihre Kinder Hand in Hand in einer Kirche und lassen sich vom evangelischen Regionalbischof Christian Kopp trauen. Nur sie beide in der festlich geschmückten Christus-Kirche in München-Neuhausen, der Pfarrer und der Herrgott. Die 36-jährige Realschullehrerin aus Tutzing und der 37-jährige Software-Unternehmer aus Gauting im Kreis Starnberg sind aufgeregt wie am 4. September 2020. „Damals haben wir während der Corona-Pandemie ein kleines Zeitfenster genutzt und mit 80 Gästen ein wunderbares Fest gefeiert“, erzählt der Bräutigam. Aber der Segen Gottes, der hatte noch gefehlt.
Wie gut, dass der Bruder der Braut evangelischer Pfarrer ist: Er machte das Paar auf die Spontan-Heirats-Aktion der Landeskirche aufmerksam, die Paaren am markanten Datum 23.03.23 in 13 Kirchengemeinden die Gelegenheit gab, zu heiraten oder sich segnen zu lassen.
„Ich hoffe, dass meine Eltern entspannt sein werden“, sagt die Braut vor der Trauung. Ihr schlagendes Argument sei: „Wir haben es euch nur nachgemacht“, denn ihre Eltern hätten auch ohne Familie standesamtlich geheiratet. Severin Lucks, katholisch, zögert etwas: „Schauen wir mal. Ich bin mir absolut sicher, dass sie sich freuen, aber ich glaube, sie wären auch gerne dabei gewesen.“ Aber das Paar, das in der Nähe der Christuskirche wohnt, will die Zeremonie ganz bewusst nur zu zweit. Und so schließt sich die Kirchentüre hinter ihnen – für ihre ganz persönliche Trauung.
Ihr Humor und ihr Lachen tragen Jaqueline und Udo Ernst auch durch schwere Tage. Die 54-Jährige leidet an Dystonie, einer neurologischen Bewegungsstörung, die zu permanenten Krämpfen führt. Ihr 61-jähriger Ehemann Udo schiebt seine Frau, mit der er seit 35 Jahren standesamtlich verheiratet ist, im Rollstuhl in die Kirche. „Wollt ihr euren gemeinsamen Weg so weitergehen, wie ihr es vor 35 Jahren beschlossen habt, in guten wie in schweren Zeiten beinander stehen und euch von Gott stärken lassen?“ Pfarrerin Barbara Krauße hat die Frage noch nicht ganz gestellt, da antworten beide mit einem fröhlichen Ja. Dieser 23. März ist ein Tag, mit dem sie zeigen wollen, wie schön das Leben ist – trotz Krankheit. Mut machen wollen sie den anderen Menschen, die an der seltenen Erkrankung leiden. Vor zehn Jahren haben sie einen Dystonie-Treff gegründet. Aber der Tag heute gehört nur ihnen beiden.
Als Heiderose und Heinz Heldeis aus München zu den Klängen von „Moon River“ in den Gemeindesaal einziehen, geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Die 77-Jährige und ihr 87-jähriger Mann sind schon 31 Jahre standesamtlich verheiratet. Beide waren katholisch – und geschieden. Eine kirchliche Trauung war für sie tabu. Als es jetzt für sie einen kirchlichen Segen gibt, kann auch Heideroses Tochter Annette (57) die Tränen nicht zurückhalten. „Die Liebe ist noch da – da passt es doch!“
Dekanin Claudia Häfner freut sich über die große Resonanz. Die meisten, die kommen, sind standesamtlich verheiratet, aber auch zwei Frauen lassen sich segnen. Willkommen sind alle, die sich trauen. Weil der Zuspruch so groß ist, denken die Veranstalter an eine Neuauflage 2024. „Coole Idee“, sagt eine junge Frau zu ihrem Freund, die neugierig durch die Kirchentür spitzen. Sie sind erst zwei Monate zusammen – aber vielleicht spontan nächstes Jahr…?