München – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Erwachsene mit „mittlerem“ Risiko und Kinder und Jugendliche keine weiteren Corona-Auffrischungsimpfungen. Für diese Bevölkerungsgruppe sei – wenn sie ihre Grundimmunisierung und eine Auffrischungsdosis erhalten haben – der Nutzen einer weiteren Impfung gering.
Zusätzliche Auffrischungsimpfungen empfiehlt die WHO nur für Menschen mit „hohem Risiko“ – etwa Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Menschen mit Immunschwäche-Erkrankungen wie HIV, für Schwangere sowie medizinisches Personal. Die WHO teilte die Bevölkerung in die Risikogruppen „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ ein, entsprechend dem Risiko, schwer an Covid zu erkranken. Ein mittleres Risiko sieht sie bei gesunden Erwachsenen, ein niedriges bei gesunden Kindern und Jugendlichen. Wir fragten Experten, wie sie die Empfehlung einordnen:
Prof. Klaus Stöhr, ehemals WHO-Virologe
Diese WHO-Empfehlung ist richtig, sagt Prof. Klaus Stöhr. Eine Covid-19-Infektion ist vor allem für Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen oder Diabetes und Übergewicht gefährlich. Da auch Impfungen die Gefahr von Nebenwirkungen mit sich bringen, müsse man eine Risikoabwägung vornehmen. „Insofern ist es richtig, die Impfung jetzt nur noch bei den Personen, für die eine Covid-19-Infektion ein deutliches Risiko mit sich bringt, weiterhin regelmäßig aufzufrischen“, sagt Prof. Klaus Stöhr.
Virologe Dr. Christoph Spinner TU-München
Die Stellungnahme der WHO sei für ihn sehr gut nachvollziehbar, sagt der Privatdozent und Chefvirologe des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität (TUM): „Durch Impfungen und Genesung ist die Immunkompetenz in der Allgemeinbevölkerung deutlich gestiegen“, sagt Spinner. Im Ergebnis sei die Covid-Sterblichkeit deutlich gefallen: In Deutschland von über 4,5 Prozent im Juli 2020 auf aktuell deutlich unter 0,5 Prozent. Mittlerweile hatte praktisch die gesamte Bevölkerung Kontakt zu dem SARS-CoV-2-Virus und sei neben einer Impfung auch infiziert gewesen – diese saisonalen Infektionen ließen sich, wie bei anderen Atemwegsinfektionen, auch durch Impfung nicht vollständig verhindern. „Damit bleibt in der Allgemeinbevölkerung die Immunkompetenz erhalten“, sagt Dr. Spinner. So sollte der Schutz jetzt auf Risikogruppen fokussiert werden.
Dr. Martin Stürmer, Virologe aus Frankfurt
Der Frankfurter Virologe Dr. Martin Stürmer warnt vor völliger Entwarnung in Sachen Corona. Zwar sei die WHO-Empfehlung nach der schwachen Corona-Welle in diesem Winter für ihn nachvollziehbar, ebenso wie bei Grippe eine Auffrischung nur Risikogruppen zu empfehlen. Doch sei das Covid-19-Virus noch sehr neu. „Deshalb sollte man vorsichtig sein mit langfristigen Prognosen“, sagt Dr. Stürmer. Zudem gebe es Hinweise, dass mehrfache Impfungen das Risiko für Long-Covid deutlich reduzieren. Es sei unklar, wie lange sich dieser Schutz halte.
Prof. Oliver Keppler, Virologe der LMU
Nach den aktuellen Daten sei es sinnvoll, vorrangig Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf weitere Auffrischungen mit an neue Vari-anten des Virus angepassten Impfstoffen zu empfehlen, sagt Prof. Oliver Keppler, Chef des Max von Pettenkofer-Instituts der Ludwig Maximilians Universität (LMU). Langzeitprognosen in Bezug auf die Immunität seien noch schwierig. Insofern müsse das Infektionsgeschehen regional und international überwacht werden.
Da die Einteilung in drei Risikogruppen „sicher nicht perfekt und für jeden einschätzbar ist“, setzt der Virologe für die Zukunft auf Bluttests. Mit einfachen Markern soll es möglich werden, ganz konkret die Immunität jedes Einzelnen einschätzen zu können, um so individuelle Impfempfehlung auszusprechen: „Wir und andere Labore arbeiten an solchen Markern“, sagt Prof. Keppler. SUSANNE SASSE