Krankenhäuser fürchten „Katastrophe“

von Redaktion

Fast alle bayerischen Kliniken erwarten Verluste

VON SEBASTIAN HORSCH

München – Roland Engehausen war sicher auf einiges gefasst. Mitten in der Hochphase der Corona-Pandemie trat er Ende 2020 seine Stelle als Geschäftsführer bei der Bayerischen Krankenhausgesellschaft an, die die Interessen von rund 360 Kliniken vertritt. Dass das nicht einfach würde, war klar. Doch: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, einmal solche Zahlen präsentieren zu müssen“, sagt er am Mittwoch.

Tatsächlich bringt die von der BKG jährlich durchgeführte „Krankenhaustrend“-Umfrage eine dramatische Gesamtlage ans Licht. Schon 2022 schlossen 71 Prozent der Kliniken das Jahr mit negativen Betriebsergebnissen ab. Und 2023 droht noch Schlimmeres: 89 Prozent der Krankenhäuser rechnen dieses Jahr mit zum Teil immensen Verlusten in Millionenhöhe. Dazu kommt: 75 Prozent der Klinikchefs schätzen die wirtschaftliche Situation für ihr Haus auch in den kommenden zwei bis drei Jahren als eher schlecht (30,2 %), schlecht (19 %) oder sehr schlecht (25,4 %) ein.

Dass Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, ist nicht gänzlich neu. Gerade klassische Kreiskliniken stehen finanziell schon seit Jahren vielfach auf wackeligen Beinen. Doch dass nahezu alle Verluste machen, ist neu. 2021 war es noch jedes zweite Haus gewesen. Dieser rasante Anstieg sei eine „Katastrophe“, sagt Engehausen. Einigen Kliniken droht aus Sicht der BKG im Laufe des Jahres sogar die Insolvenz. Es sei völlig klar, dass dringend etwas passieren müsse, sagt Engehausen. Die Frage sei: „Wie viele Krankenhäuser müssen schließen, bis die Verantwortlichen reagieren?“

Die Verantwortung für diese Zuspitzung schreibt die BKG vor allem der Ampel-Koalition in Berlin zu. Wegen eines fehlenden Inflationsausgleichs und weil stattdessen zugesagte Hilfen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro nicht bei den Kliniken ankämen, summierten sich derzeit die Defizite in Bayern auf monatlich über 100 Millionen Euro. „Auf vage Aussagen aus der Bundespolitik können wir uns nicht mehr verlassen“, sagt Engehausen. „Wir haben kein Vertrauen mehr, weil blumigen Worten bisher nicht die passenden Taten folgen.“

Hintergrund: Auch die Krankenhäuser leiden unter den gestiegenen Preisen – nicht nur wegen ihres erheblichen Energiebedarfs und der Lebensmittelkosten. Ein Skalpell, das vor der Corona-Pandemie für rund 90 Cent zu haben war, kostet heute circa zehn Euro. Anders als Unternehmen in der freien Wirtschaft können die Kliniken aber nicht einfach die Preise erhöhen. Nur einmal jährlich wird mit den Krankenkassen verhandelt, und auch dann dürfen die Kliniken nicht die vollen Preissteigerungen ansetzen. Was in normalen Zeiten für schnellere Einigungen sorgen und sprunghafte Beitragssteigerungen bei den Kassen vermeiden soll, wird nun zum Problem.

Tamara Bischof (Freie Wähler) ist nicht nur die Vorsitzende der BKG, sondern auch Landrätin des Kreises Kitzingen. Weil gerade auf dem Land viele Krankenhäuser unter kommunaler Trägerschaft betrieben werden, müssen im Zweifel die Kommunen die Defizite ihrer Kliniken ausgleichen. Da auch dort die Mittel begrenzt sind, heiße das: „Die Landkreise werden gezwungen, in anderen Bereichen einzusparen“, sagt Bischof. Im Klartext: Das Geld fehlt beim Straßenbau, in den Schulen oder Kitas. Zumal die Kommunen auch nicht so einfach Kredite zur Überbrückung aufnehmen könnten.

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