Das ehemalige Schtetl in Wolfratshausen

von Redaktion

Alois Berger lebt heute in Berlin, er hat als Reporter die Welt bereist, über die Story seines Lebens stolperte der 65-Jährige aber in seinem Geburtsort Wolfratshausen. Dort hatten die Nazis 1939 eine Mustersiedlung für Arbeiter einer Munitionsfabrik errichtet: Föhrenwald. Nach dem Krieg fanden dort tausende jüdische KZ-Überlebende vorübergehend Aufnahme. Ihre Geschichte war lange kaum erforscht – dennoch erstaunt der Buchtitel, den Berger gewählt hat: „Föhrenwald, das vergessene Schtetl“ (Piper Verlag, 24 Euro). Vergessen ist das ehemalige Camp für Displaced People (DP) heute allenfalls aus Berliner Perspektive, in der Region ist es mittlerweile bestens bekannt. Seit 2018 gibt es auch ein Museum im ehemaligen Badehaus.

Zur Erinnerung: In Föhrenwald lebten von 1945 bis 1957 zeitweise mehr als 5000 Juden – mit Synagogen, einer jiddischen Zeitung, mit Kultur- und Sportvereinen, Kindergarten und sogar einer jüdischen Polizei. Schtetl („Städtlein“) – so nannten die osteuropäischen Juden ihre Siedlung. Es gab etliche dieser DP-Camps in Bayern: Landsberg, Feldafing, Bad Reichenhall. Föhrenwald war das Größte, aber beileibe nicht das Einzige. Leider wird das in dem Buch nicht eingeordnet. Kaum waren die letzten DPs in Föhrenwald zwangsumgesiedelt oder nach Israel ausgewandert, erhielt der Ort auf Wunsch der katholischen Kirche, die den Grund gekauft hatte, einen neuen Namen: Aus Föhrenwald wurde Waldram, benannt nach dem Gründer von Kloster Benediktbeuern. Katholische Heimatvertriebene zogen in die Reihenhäuschen mit ihren Spitzgiebeln. Die Föhrenallee hieß in der Lagerzeit Pennsylvania Street, danach Faulhaberstraße, nach dem Erzbischof.

In seinem Buch dokumentiert Berger lange Gespräche mit noch lebenden einstigen Bewohnern, die oft von einem Lager ins nächste geschickt worden waren. Einer von ihnen, der ehemalige Journalist Anton Jakob Weinberger, berichtet, dass seine Eltern zuvor schon in zehn anderen DP-Camps gelebt hatten. Weinberger sagt heute, er habe sich in Föhrenwald ein- und ausgeschlossen gefühlt. Was für eine Welt lag hinter dem Zaun? Nur selten kam er mit ihr in Berührung. Umgekehrt galt das genauso: Buchautor Berger ging in Waldram zur Schule. Im katholischen Gymnasium erfuhr er allenfalls vom Hörensagen, dass in seinem Wohnort einst Juden gelebt hatten. Eine Waldramer Familie war erstaunt, dass sie bei der Renovierung unter der Tapete plötzlich einen Davidstern entdeckte. Der Autor beschreibt, wie Jugendliche auf den Dachböden die zurückgelassene gestreifte Kluft von KZ-Häftlingen fanden.

Scham, auch Schuld spielten für das Schweigen eine Rolle, sagt Berger. Wolfratshausen sei „ein sehr katholischer Ort“ gewesen. „Für meine Eltern war Hitler der Antichrist, der die Kirche vernichten wollte. Man hat sich selbst als Opfer gefühlt.“ Die Juden gerieten da zur Randnotiz. D.WALTER/C.RENZIKOWSKI

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