Garmisch-Partenkirchen – Manche Dinge wird es im Internet wohl nie geben. Zum Beispiel Videoanleitungen für das Palmbasteln. Viel zu speziell, viel zu zeitintensiv, sagt Margit Wackerle entschieden. Manche Dinge muss man eben einfach in der realen Welt lernen. Deshalb bietet die 54-Jährige jedes Jahr gemeinsam mit den Werdenfelser Krippenfreunden am Wochenende vor dem Palmsonntag einen Palmbastel-Kurs an. Die Hauspalmen sind kunstvolle Arbeiten in bunten Farben, die nach der Weihe am Palmsonntag im Herrgottswinkel aufbewahrt werden. Sie sind eine Art Haussegen.
Margit Wackerle leitet diese Kurse seit 15 Jahren. Sie will die Tradition des Palmbastelns bewahren. Sie eilt von Teilnehmer zu Teilnehmer. Hier ist zu viel Kleber, dort sind die Schlitze nicht fein genug. Beim Nächsten haut die Fadenspannung nicht hin. Die Hauspalmen erfordern viel Geduld und Fingerfertigkeit.
Lisa Schulze ist bereits ein kleiner Profi. Zwei Palmen bastelt die Neunjährige an diesem Nachmittag. Den anderen gibt sie bereitwillig Tipps. Dass die Schülerin gleich zwei Kunstwerke schafft, liegt auch an der perfekten Vorbereitung. Als die Bastel-Freunde in die Werkstatt strömen, liegt schon alles bereit. Da sind die Kreppbänder in zwei Farben, 60 Zentimeter lang und fünf Zentimeter hoch, die Wickelbänder und die etwa 30 Zentimeter langen Stecken, an denen die Palmen drapiert werden. Ein paar Meter weiter sitzt Vorstand Ferdl Brunnenmayer an einer Bierbank und schnitzt vorsichtig die Palmkatzerl von den Zweigen. Schepsen heißt dieser Vorgang. Ein Wort, das eigentlich das Entrinden eines Baumstamms bezeichnet. Geschickt lässt er unterhalb der Frucht ein Fleckerl Rinde stehen. An der werden die Katzerl später an den Stecken gebunden. Natürlich geht das auch mit Kleber oder Heißkleber. Doch Letzterer sei für Kinder zu gefährlich, betont der Chef. „Und früher gab es auch keinen Kleber“, fügt Wackerle hinzu.
Als sie vor 15 Jahren wieder mit den Palmbastel-Kursen begann, hatten sich die gängigen Projekte zu stark vom Original entfernt. Alles sollte schnell, schnell gehen. Es gruselte sie bei dem, was als Hauspalm herauskam. Also stellte sie mit ihrem Verein einen eigenen Bastelkurs auf die Reihe und lud in die Werkstatt der Krippenfreunde ein. Viele Interessierte meldeten sich. Sogar aus München reisten immer wieder vier bastelfreudige Damen an. Schnell waren es so viele Teilnehmer, dass Wackerle eine Regel aufstellen musste: Jeder Teilnehmer darf nur maximal drei Jahre hintereinander kommen. Dann muss er aussetzen.
Heuer üben 18 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Partenkirchen das Palmen. Dabei wickelt man oben geschlitztes Krepp- oder Seidenpapier zu einer buschigen Krone um den Stecken herum. Dann werden fünf bis zehn Reihen Palmkatzerl um den Stab herum geklebt und gebunden. Eine geschlitzte Papierkrause ziert den Abschluss, bevor der Stecken mit unterschiedlich breiten Bändern umwickelt wird.
Diese Art der Hauspalmen gibt es allerdings nur in Garmisch und Partenkirchen sowie den benachbarten Gemeinden Grainau, Farchant und Oberau. In Mittenwald zum Beispiel werden die Palmbüschel an einer langen Stange befestigt. Die Papier-Palmen stehen stellvertretend für die echten Palmenzweige, mit denen Jesus beim Einzug in Jerusalem empfangen wurde. Die gebastelten Kunstwerke werden an diesem Sonntag, dem Palmsonntag, um 8.45 Uhr am Antonius-Brunnen in Partenkirchen geweiht. ANGELA WALSER
Die Palmenzweige werden diesen Sonntag geweiht