KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER Wachsam sein

von Redaktion

Die Passions- und Fastenzeit geht allmählich ihrem traurigen Höhepunkt, dem Karfreitag, entgegen. Ein Tag, an dem sich die elenden Karfreitage des individuellen und gemeinsamen Lebens verdichtet zeigen. Persönliche, bittere Verluste, schwere Krankheiten, Kriege und ihre entsetzlichen Folgen, Katastrophen, Hungersnöte… Tagtäglich wird Leben gekreuzigt und tränenreich zu Grabe getragen. Kein Wunder, dass heutzutage viele Menschen sehr müde und matt sind. Es geschieht viel Schreckliches und Trauriges, dessen Zeugen wir werden.

Vor dem Karfreitag wird in den Kirchen auch der berühmten Szene von Jesus im Garten Gethsemane gedacht. Auch ein archetypisches Geschehen, das unabhängig von jedem Glauben urmenschliche Erfahrungen und Erlebnisse widerspiegelt. Ein Mensch zieht sich in einem Moment höchster Gefahr mit seinen Freunden in die Geborgenheit eines Gartens zurück. Wenn es eng wird im Leben, braucht man Ruhe, um sich zu besinnen auf das, was da kommt. Aber isolierte Einsamkeit wäre trostlos. Deswegen sagt Jesus zu den Freunden, die nur einen Steinwurf weit entfernt sind: „Wacht mit mir!“ Eine Bitte, die nicht einfach zu erfüllen ist – wachsam sein, wenn man eigentlich hundemüde ist und resignieren möchte. Wachsam, wenn einem die Nachrichten des Tages zu viel werden und man sich von ihnen nicht länger den Schlaf rauben lassen möchte. Wie bleibt man wach, wenn einem auch einschläfernde Narrative suggerieren, dass man sich beruhigt niederlegen könne? Irgendwer wird es schon richten. Irgendwie wird es doch gut gehen… Man wird aufwachen und alles war nur ein böser Traum. Funktioniert nicht.

Wach bleiben, nicht in Anfechtung fallen! Anfechtung ist die herbe Verlockung, Realität nicht anzuschauen, sie zu verdrängen und das Elend ringsumher zu leugnen. So werden Kreuzigungen, Folter und Verfolgung, Missachtung und Misshandlung nie ein Ende nehmen. Wer alles verschläft, arbeitet den selbstherrlichen Egomanen aller Zeiten und ihren Grausamkeiten nichtstuend in die Hände. Deswegen: Nicht schlaftrunken in Anfechtung oder Apathie fallen. Wach bleiben, empathisch sein, handeln, wenn andere in Todesangst sind, wenn ihnen der Angstschweiß ausbricht. Damit die Menschlichkeit am Leben bleibt.

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