Wer hat den Aprilscherz erfunden?

von Redaktion

Im Interview erklärt eine Brauchtumsexpertin, was am 1. April in Bayern schon alles passiert ist. Die Antwort in Kurzform: sehr, sehr viel.

April, April… Wer heute diese Worte hört, ist vermutlich reingefallen. Der Brauch, andere in den April zu schicken, stammt aus Bayern, berichtet Daniela Sandner vom Landesverein für Heimatpflege. Die 37-Jährige berichtet über die Theorien, wie er entstanden sein könnte.

Frau Sandner, wie alt ist der Brauch, jemanden in den April zu schicken?

Wir liegen wohl nicht so falsch, wenn wir vom 16. Jahrhundert ausgehen. Die erste schriftliche Erwähnung in Deutschland, genauer in Bayern, stammt aus dem Jahr 1618. Dieser schriftliche Beleg zeugt ja davon, dass hier bereits eine gewisse Tradition vorhanden sein muss. Doch ein wirkliches historisches Ereignis am 1. April steckt nicht dahinter. Immerhin haben wir ein paar nette Geschichten, wie es zu dieser Tradition gekommen sein könnte.

Zum Beispiel?

Eine Theorie bezieht sich auf die geplante Regelung des Münzwesens auf dem Augsburger Reichstag von 1530. Aus Zeitmangel kam es nicht dazu, worauf man für den 1. April einen Münztag ausgeschrieben hatte. Allerdings fand auch der nicht statt und somit verloren viele Spekulanten, die auf diesen besonderen Münztag gesetzt hatten, ihr Geld. Außerdem war ihnen der Spott sicher. Sie waren also Aprilnarren. Aber: reine Spekulation.

Welche Spekulation gefällt Ihnen am besten?

Vielleicht die aus Frankreich. Angeblich hatte am 1. April eine schöne 16-Jährige König Heinrich IV. um 1600 herum zum Rendezvous in ein Lustschloss gebeten. Als der Monarch zum verabredeten Zeitpunkt eintraf, erwartete ihn allerdings nicht eine junge Maid, sondern seine Gattin Maria von Medici – und in deren Gefolge der gesamte Hofstaat. Die Königin soll ihrem Gatten gedankt haben, dass er ihrer Einladung zum „Narrenball“ gefolgt sei. Ob die Aktion für die weitere Ehe gut oder schlecht war, weiß man nicht.

Solche Scherze können zwar Schadenfreude erregen, sind aber insgesamt doch eher harmlos, oder?

Ja, Aprilscherze sind von jeher eher schlicht und laufen fast immer gleich ab: Ein fingierter Auftrag wird erfüllt – und entpuppt sich dann als Unsinn. In der Renaissance gibt es etwa Überlieferungen von Aufträgen, dass man etwa Gänsemilch, getrockneten Schnee oder Hahneneier besorgen sollte. Wer darauf reinfiel, wurde ordentlich verlacht. Der Humor hat sich heute natürlich weiterentwickelt, aber das Prinzip ist dasselbe wie damals.

Wurden Sie mal in den April geschickt?

Ich kann mich an kein Mal erinnern. Wohl aber daran, dass ich als Kind mit meinen beiden Schwestern zusammen unsere Eltern an diesem Tag gerne aufs Glatteis geführt habe. Besonders gut erinnere ich mich an einen Sonntag, als wir Kinder Frühstück machten. Die Eier hatten wir vorher ausgeblasen und verkehrt herum in den Eierbecher gestellt. Als die Eltern die Eier aufschlugen, machten sie große Augen. Und wir Kinder haben uns köstlich amüsiert.

Früher gab es auch in Zeitungen Aprilscherze. Eine Tradition, die nicht mehr existiert…

Das liegt sicher auch daran, dass die Zeitung ja nur noch eine von etlichen Informationskanälen ist. Gerade durch das Internet gibt es heutzutage viel mehr Spaßformate. Und das ganze Jahr über, nicht nur im Fasching oder am 1. April. Aber die Menschen haben schon seit der frühen Neuzeit Gefallen am Nonsens gefunden.

Gibt es eine sogenannte Zeitungs-Ente, die Jahrhunderte überdauert hat?

Ja, die stammt aus einer deutschen Zeitung vom 1. April 1774 und ist die älteste überlieferte überhaupt. Darin werden dem Leser Tipps gegeben, wie man farbenfrohe Ostereier ganz ohne Bemalen herstellen kann. Und zwar, indem man die Umgebung der Hühner in der Farbe anstreicht, die das Ei annehmen soll.

Wird es die typischen Aprilscherze noch in 100 Jahren geben?

Ich glaube schon. Der Aprilscherz hat keine regionalen Ausprägungen, sprich: Er kann von Dorf zu Dorf gleich sein. Und er kennt keine Ausgrenzung, er ist nicht auf Geschlecht, Stand, Alter oder Religion beschränkt. Jeder hat Zugang, was die beste Voraussetzung ist, dass dieser Brauch erhalten bleibt. Denn er ist nicht gezwungen, sich anzupassen.

Im Gegensatz zu traditionellen Bräuchen?

Ganz genau. Ein Beispiel ist der Memminger Fischertag, der ausschließlich Männern vorbehalten war, so steht es in der Satzung des Vereins. Vor ein paar Jahren hat eine Frau Klage am Amtsgericht Memmingen eingereicht, um teilnehmen zu dürfen, sie bekam Recht. Irgendwie traurig, dass solche alten Strukturen, die überhaupt nicht mehr in unsere Zeit passen, so schwer überwunden werden können. Die Tradition stirbt ja nicht, im Gegenteil: Wenn 50 Prozent der bisher ausgeschlossenen Menschen mitmachen können, dann lebt sie weiter.

Ist der bayerische Humor für Sie besonders?

Man unterstellt dem Bayern oft eine gewisse Derbheit. Das kommt wohl aus dem 19. Jahrhundert mit seinen stereotypen Darstellungen des landwirtschaftlich geprägten Landes. Hinzu kommt die extrem geförderte Tourismuswelle seit bald 200 Jahren. Man kam ja auch hierher, um das Ursprüngliche zu erfahren, das einfache Leben der „edlen Wilden“ (lacht). Das sind aber natürlich alles Narrative, die nicht zutreffen.

Interview: Matthias Bieber

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