Der einarmige Jesus vom Dachboden

von Redaktion

VON AXEL EFFNER UND KILIAN PFEIFFER

Berchtesgaden – Der Weg zum Dachboden der Stiftskirche in Berchtesgaden ist abenteuerlich. Über eine Leiter geht es auf einen tiefen Holzschrank, von dort über eine weitere Leiter mit fehlenden Sprossen, die zu einer engen Luke führt. Durch eben diese zwängte sich die Regensburger Kunsthistorikerin Natalie Glas, als sie 2015 im Auftrag der Erzdiözese München-Freising eine Nachinventarisierung der Kunstgegenstände der Kirche durchführte.

Die Christusfigur lag auf nackten, staubigen Holzdielen, daneben der lose rechte Arm. Der, wie die Holzspuren zeigten, gewaltsam herausgerissene linke Arm war nicht auffindbar. Ebenso fehlten Teile an den Fingern und Füßen. Auch die Figur selbst war in einem beklagenswerten Zustand. „Die Farbfassung blätterte in unzähligen übereinander liegenden Schollen ab“, erzählt die Restauratorin Regina Bauer-Empl. „Sie lag zum Teil kleinteilig zerfallen in den Tiefen oder bereits neben der Figur und war mit einer dicken Schmutzschicht aus festgesetztem Staub und Insektenüberresten bedeckt.“

Und doch war allen Beteiligten schnell klar: Dieser Christus ist eine wahre Kostbarkeit. Kunsthistorikerin Glas spricht von einem „Sensationsfund“, denn bei der Figur vom Dachboden der oberen Sakristei handelt es sich um einen sehr seltenen Kruzifixus aus dem Mittelalter mit beweglichen Armen. Dieser wurde am Karfreitag im Rahmen einer feierlichen Liturgie vom Kreuz abgenommen und zur Ruhe ins Heilige Grab gelegt. Möglich war dies durch die beweglichen Arme der Christusfigur. Weltweit sind nur 140 solcher Kruzifixe bekannt.

„Der Berchtesgadener Kruzifixus ist von höchster Qualität“, sagt Restauratorin Bauer-Empl. „Ein sehr guter Bildschnitzer war hier am Werk.“ Was die Christusfigur zudem so besonders macht, ist ihr Alter. Glas datiert die Entstehung des wandelbaren Bildwerks auf die Zeit um 1380. Damit gehört sie zu den frühestens Kunstwerken dieses Typus, der erstmals um 1300 in Florenz nachgewiesen werden konnte.

Nach der fachmännischen Bergung der Figur mittels einer Holztrage begannen in der Werkstatt die Vorbereitungen für die aufwendigen Restaurierungsarbeiten, die schlussendlich acht Jahre in Anspruch nehmen sollten. „Wir standen vor einer komplexen Herausforderung an einem besonderen mittelalterlichen Kunstwerk“, sagt Bauer-Empl. „Es waren umfangreiche Versuche, naturwissenschaftliche Untersuchungen und Analysen durch verschiedene Institute wie dem Zentrallabor des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege notwendig.“ Auch die Ausführung der Arbeiten am Kunstwerk hätten sehr viel Zeit in Anspruch genommen.

Es galt, die starke äußere Verschmutzung zu entfernen, ohne gleichzeitig die fragile und brüchige Malschicht zu gefährden. Nach umfangreicher Recherche und Versuchen brachte schließlich eine modifizierte Form von Methylcellulose die Lösung.

Schritt für Schritt erlangte so der knapp 1,30 Meter große Kruzifixus sein jetziges Aussehen wieder. Er lässt im Detail die unterschiedlichen Farbschichten erkennen. „Auch die schnitztechnischen Feinheiten wurden in ihrer Qualität wieder sichtbar“, freut sich die Restauratorin Bauer-Empl. „Die Rippenbögen treten deutlich hervor, ebenso der Ansatz der sich spannenden Bauchmuskeln und der Faltenwurf des Lendentuchs.“ Es wurde entschieden, den Christus einarmig zu belassen. „Die Skulptur darf als Fragment bestehen bleiben, als Zeichen ihrer Verletzlichkeit und ihrer Verletztheit im Lauf der Jahrhunderte“, sagt die Restauratorin.

Am Karfreitag nun findet um 20 Uhr in der Stiftskirche ein Gottesdienst statt, der die Wiederentdeckung der Kostbarkeit aus dem Mittelalter feiert. So wie einst wird die Christusfigur vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt. Nach Ostern soll die Figur dann einen Ehrenplatz in einem kleinen Andachtsraum bekommen.

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