Wunsiedel – Vergangenes Wochenende hatten die 89 Jugendlichen, die im St.-Josef- Heim in Wunsiedel untergebracht sind, noch Osternester gebastelt. Nur wenige Tage später ist die oberfränkische Kinderhilfe-Einrichtung mit rot-weißem Polizeiband weiträumig abgesperrt. Am Dienstagmorgen ist eine Zehnjährige von Angestellten der Einrichtung leblos in einem Zimmer gefunden worden. Ein Notarztteam konnte nur noch den Tod des Mädchens feststellen.
Erste Ermittlungsergebnisse deuten auf ein Tötungsdelikt hin. Zwei Buben im Alter von elf Jahren und ein 16-Jähriger stehen im Verdacht, mit dem Tod des Mädchens zu tun zu haben. Erste Medienberichte, nach denen es sich bei den drei Minderjährigen um die mutmaßlichen Täter handelt, hat Staatsanwalt Matthias Goers am Mittwoch nicht bestätigt. Es gebe derzeit keine Tatverdächtigen, niemand sei in dem Fall in Gewahrsam. „Wir müssen die Ermittlungen abwarten und die Tathintergründe aufklären“, betont Goers. Viele Zeugen müssten vernommen werden, die Polizei wertet die Spuren vor Ort aus. Die Kriminalpolizei hat eine Sonderkommission gebildet. Noch sei unklar, ob es sich um eine gezielte Tat oder vielleicht um einen Unfall handelt. Die Ermittler konzentrierten sich allein auf die Einrichtung, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Hof. Das bedeute, auf die Angestellten und die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen.
Die Behörden hatten den Fall erst am Mittwoch bekannt gemacht, um am Dienstag umfangreich Spuren zu sichern und Zeugen befragen zu können. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte schnelle Aufklärung. „Wichtig ist, dass nun möglichst schnell geklärt wird, wer an der Tat beteiligt war“, sagte er. „Die Ermittler arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung.“ Seine Gedanken seien nun bei der Familie des Mädchens, für die eine Welt zusammengebrochen sei. „Diese schreckliche Tat hat mich zutiefst bestürzt und fassungslos gemacht“, sagte Herrmann.
Auch Manfred Söllner, der zweite Bürgermeister von Wunsiedel, äußerte sich gestern tief betroffen. Viele Bürger der Stadt seien geschockt. „Wir können das gar nicht fassen.“ Laut Söllner handelt es sich um eine Einrichtung der katholischen Jugendhilfe, die es mindestens schon ein halbes Jahrhundert in Wunsiedel gibt. „Wir hören eigentlich immer nur positive Sachen über die Einrichtung“, betonte er. Obwohl noch völlig unklar sei, wie das Mädchen ums Leben gekommen ist, werde laut dem Bürgermeister in der Stadt bislang nicht groß spekuliert.
Udo Dumbler wohnt gegenüber der Einrichtung. Auch er wurde von der Polizei befragt. „Sie wollten wissen ob ich Geräusche gehört hätte“, erzählt der 67-Jährige. Doch ihm war nichts aufgefallen, bis plötzlich die vielen Polizeiautos vorfuhren. „In der Einrichtung hat es noch nie Ärger gegeben“, sagt er. „Die Therapeuten hatten immer alles gut im Griff.“