Die Grenzerfahrungen des Jost Gudelius

von Redaktion

Warum ein Jachenauer nach alten Steinen forscht

VON RAINER BANNIER

Jachenau – Grenzen definieren seit alters her politische Einflussbereiche – aber sie ändern sich über die Jahrhunderte hinweg natürlich immer wieder. Der frühere Gebirgsjäger, pensionierte Oberst und ambitionierte Geschichtsforscher Jost Gudelius aus Jachenau beschäftigt sich seit Langem mit Ortsgeschichte. Er hat eine 400-seitige Ortschronik verfasst. Dann wanderte er mit seinen Kindern die ganze Grenze der 128 Quadratkilometer großen Flächengemeinde ab: eine mehrtägige, meistens weglose und wilde Rundtour durch teils sehr steiles und alpinistisch anspruchsvolles Gelände (einer, der seinerzeit Vergleichbares getan hat, war Reinhold Messner mit seiner legendären Südtirol-Umrundung, bei der er zufällig auf den „Ötzi“ stieß).

Es sind zwei Grenzen, die den 80-Jährigen seit jeher beschäftigen: Einmal die mit vielen stattlichen und durchlaufend nummerierten Grenzsteinen markierte Landesgrenze zu Tirol. Mehr noch aber eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende alte Grenze, die das Klostergericht Benediktbeuern vom Landgericht Tölz trennt. Die hat bereits im Jahr 1332 Ludwig der Bayer festgelegt, um den schon damals bestehenden Besitzstreitigkeiten um Holz- und Almweiderechte ein Ende zu bereiten.

Sie verläuft vom Stallauer Weiher westlich von Bad Tölz immer südwärts über das schroffe Benediktenwand-Massiv, durch das Schwarzenbachtal und die Jachenau bis zum Schronbach an der oberen Isar. Bereits in Philipp Apians berühmten Landtafeln von 1568 ist sie eingezeichnet. Wilhelm der Fromme ließ sie 1584 mit Grenzsteinen und Felsmarchen (Ritzungen an großen Findlingen) mit Jahreszahlen und den Wappen der beiden Gerichtsbezirke markieren.

Aus alten Aufzeichnungen wusste Jost Gudelius, dass es entlang dieser Grenze 22 Markierungen gegeben hat: Sechs waren bekannt, 13 hat er nach mehrjähriger intensiver Suche im teils sehr unwegsamen Gelände wieder gefunden, drei sind noch verschollen. „Das archäologische Erlebnis der Entdeckung dieser Steine und ihrer in Stein gehauenen Geschichte motiviert mich bis heute, sie in den alten Grenzbeschrieben im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dann vor Ort in der Natur zu suchen und zu finden“, sagt der Heimatkundler.

Derartige Grenzerlebnisse erforderten schon sehr viel Spürsinn und Energie, bis Gudelius im steilen Bergwald bestimmte Felsen lokalisieren und mühsam von Wurzeln und Moos befreien konnte, damit die alten Schriftzeichen wieder zum Vorschein kamen. Die eingeritzten Jahreszahlen 1584, 1653, 1720 und 1772 weisen auf wiederholte Markierungsaktionen der damals tätigen Grenzkommissionen und auf die längerfristige Bedeutsamkeit dieser Grenze hin.

Ein stilisierter doppelter Abtstab auf den Steinen steht für das Kloster Benediktbeuern. Aber wofür steht das andere Symbol, das in alten Schriften mit dem längst nicht mehr gebräuchlichen Begriff „Hebscheidt“ (Wagenheber) benannt wird? Jost Gudelius ist sich inzwischen ziemlich sicher: „Es handelt sich dabei um eine Reduktion des bayerischen Wappentieres auf einen stilisierten Löwenschwanz.“

Mit der gleichen Beharrlichkeit, mit der Gudelius die Grenzsteine gesucht hat, setzte er sich für deren Aufnahme in die Denkmalliste ein. Das war schwieriger als gedacht. Beim Landesamt für Denkmalpflege habe es sieben Jahre gedauert, bis man sich entschied, um welche Art von Denkmälern es sich handelt: „Keine Bodendenkmäler, sondern Baudenkmäler!“ Gudelius hat eine bebilderte Dokumentation „Doppelter Abtstab und Hebscheidt“ herausgegeben und auch für die Internet-Enzyklopädie Wikipedia eine detaillierte Bilddokumentation „Liste der Baudenkmäler Jachenau“ einschließlich dieser Grenzsteine verfasst.

Auch an der bayerisch-tiroler Landesgrenze im Tal der Walchen und in den Bergen des Vorkarwendels ist Jost Gudelius immer wieder unterwegs, um nach den stattlichen alten Grenzsteinen mit den zwei Jahreszahlen 1557 und 1844, dem roten Tiroler Adler und dem weißblauen bayerischen Wappen zu suchen. Manche dieser wertvollen Steine sind durch Hochwässer und Bodenerosion bedroht. Manchmal setzt sich Gudelius auch mit der zuständigen Grenzkommission in Wien in Verbindung.

Ein besonderes Erlebnis war für ihn der Fund einer offenbar nachträglich angebrachten Grenzmarkierung oberhalb der Walchen, welche die Jahreszahl 1655 und die Buchstaben HEC trägt. Gudelius hat hier eine Korrektur in HFC vorgeschlagen, denn nach seiner Überzeugung stehen sie für Herzog Ferdinand Carl von Tirol. Dieser sogenannte „Weiser“ ist kein Grenzstein im eigentlichen Sinne: Er weist nach Ansicht von Gudelius vielmehr auf eine nicht zugängliche Einmündung des Hühnerbachs in die Walchenklamm hin.

Topographisch betrachtet, erscheint der Grenzverlauf hier auf den ersten Blick unlogisch: Politisch zu Tirol gehörig, öffnen sich Rißbachtal und Bächental nach Norden zum Isarwinkel und sind zum Mutterland hin durch hohe Gebirgsketten abgeschnitten. Es handelt sich um eine Exklave, deren moderne Verkehrserschließung nur von Bayern aus möglich war. In landeskultureller Hinsicht orientierten sich beide Talschaften jedoch mehr nach Tirol: Bergbauern aus den Achenseegemeinden und aus Vomp im Inntal erreichten ihre Sommerweiden in diesen Hochtälern einst nur fußläufig über die drei hohen Gebirgspässe „Gröbner Hals“. „Schleimssattel“ und „Lamsenjoch“.

Die Grenze zwischen Bayern und Tirol wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach in Frage gestellt. So ist Bayern von den Habsburgern überfallen worden, was zum Volksaufstand von 1705 führte und in der Sendlinger Mordweihnacht ein tragisches Ende nahm. Nicht so gerne redet man in Bayern darüber, dass Tirol hundert Jahre später (zur Zeit Napoleons) unter bayerische Fremdherrschaft gestellt war, was zum Tiroler Volksaufstand von 1809 führte. Erst als der Franzose nach den Niederlagen von Leipzig und Waterloo abdanken musste, fiel Tirol durch den „Münchner Vertrag“ von 1816 wieder an Österreich.

Als Hitler 1933 eine „Tausend-Mark-Sperre“ einführte, kam der Grenzverkehr praktisch zum Erliegen. Doch mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 an den NS-Staat verlor die Grenzlinie vorübergehend ihren Rang als Staatsgrenze. Als die Amerikaner 1945 einmarschierten, riegelten sie die Grenze erneut ab. Erst mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 öffneten sich die Schlagbäume wieder.

Nach dem EU-Beitritt Österreichs fielen 1995 mit dem Beitritt zum Schengener Abkommen auch die Personenkontrollen weg, womit die Zollämter Achenwald und Vorderriß/Hinterriß ihre Bedeutung verloren.

Trotz all dieser Wirren hat die bayerisch-tiroler Landesgrenze eine erstaunlich robuste und friedensstiftende Bestandskraft: Der 1577 festgelegte Grenzverlauf wurde mit nur ganz geringfügigen Korrekturen im „Karwendelvertrag“ bestätigt, den Kaiserin Maria Theresia und der Freisinger Bischof Clemens 1766 geschlossen haben. 1844 – die zweite Jahreszahl auf vielen Steinen – wurde der Grenzverlauf nochmals bestätigt. Was für immer geblieben ist, sind die wunderschönen Grenzsteine.

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