Ein unglaubliches Eierlei

von Redaktion

VON ULRIKE OSMAN

Jesenwang – In ihrer Werkstatt im Dachgeschoss kann Ingrid Probst die Welt vergessen. Aus der Stereoanlage erklingt Musik, vor der 77-Jährigen liegen kleine Schleifer, Zahnarztbohrer, Diamantschneider, ein Sammelsurium aus Zubehör – und ein Ei. Ob Strauß, Schwan, Emu, Nandu, Gans oder Taube – Ingrid Probst liebt alles, was Eier legt. Die Rentnerin aus Jesenwang im Landkreis Fürstenfeldbruck hat das Ei zum Kunstobjekt erhoben. Aus den zerbrechlichen Gebilden macht sie mit unendlicher Geduld und viel Fingerspitzengefühl Witziges, Dekoratives und sogar Praktisches.

Früher hatte die 77-Jährige Spaß am Töpfern und an Seidenmalerei. Doch als sie eines Tages über den Ostermarkt in Bad Wörishofen im Allgäu spazierte und sah, dass man mit Eiern mehr tun kann als sie auszublasen und einzufärben, war es um sie geschehen. Sie besorgte sich ihre ersten Straußeneier und legte los. Mit einer Länge von 15 Zentimetern und einer besonders dicken Schale sind die Eier des größten Vogels der Welt ideal zum Basteln geeignet. Ingrid Probst verziert sie mit Glitzerperlen, Gardinenstoff, Silberdraht, Stoffbordüren. Oder sie schneidet Teile aus dem Ei heraus und befestigt sie wie kleine Türchen mit Scharnieren wieder an der Schale. Drinnen thronen Elfen-Figürchen auf winzigen Samtkissen. „Ich bin ein Elfen-Fan“, sagt die Hobby-Künstlerin.

Noch raffinierter sind die Eier mit aufgeklebten Reißverschlüssen. Oder die, die sie mit Wachs einreibt, um dann mit der Stecknadel Dutzende bunte Glasplättchen auf der Oberfläche an die gewünschte Position zu schieben. Wenn Ingrid Probst aus einem Ei eine Lampe machen möchte, bohrt sie mit einem Diamantbohrer Muster aus winzigen Löchern in die Schale. Schaltet man die Lampe ein, tritt das Muster deutlich hervor.

Neue Ideen fliegen der Rentnerin von überall zu. Manchmal sieht sie Dinge auf Kunsthandwerkermärkten. Oder sie entdeckt im Möbelhaus Deko-Artikel, die ihr gefallen – wenn sie nicht aus Plastik wären. Dann wird das Objekt zu Hause aus Eierschalen nachgebaut.

Längst verwendet Ingrid Probst nicht mehr nur Straußeneier. „Ich habe einen Händler in Ingolstadt entdeckt, der hat alles, was man legal verkaufen darf. Und das auch noch exakt ausgeblasen und desinfiziert.“ Außerdem hat sie sich von ihrer Enkelin zeigen lassen, „wie das mit dem Ebay funktioniert“. Der Nachschub ist also gesichert.

In den Regalen, auf den Fensterbrettern und in Vitrinenschränken in Wohnzimmer und Wintergarten der ehemaligen Verkäuferin stehen die ovalen Kunstwerke dicht an dicht. Schon ein paar Mal hat sie sich vorgenommen, nichts Neues mehr hinzuzufügen. Aber dann springt ihr beim Blättern in einer Zeitschrift wieder eine Idee ins Auge, die unbedingt ausprobiert werden will. Wie lange sie für eine ihrer Kreationen braucht, kann Ingrid Probst nicht sagen. Es können Stunden oder Tage sein.

Jemand hat ihr mal prophezeit, dass ihr im Laufe der Zeit etliche Exemplare zerbrechen würden. Von wegen. „Mir ist noch nie ein Ei kaputt gegangen“, sagt die 77-Jährige. Was die Vermarktung ihrer Kunstwerke betrifft, ist Ingrid Probst nicht allzu aktiv. Was soll sie verlangen? Die Arbeitszeit kann sich nicht annähernd darin niederschlagen, das würde viel zu teuer. Trotzdem hat die Rentnerin manchmal einen Stand auf einem Künstlermarkt. „Ich geh’ dort nicht hin, um was zu verdienen“, sagt sie. Sie kommt gern ins Gespräch mit den Besuchern, die staunend vor dem unglaublichen Eierlei stehen bleiben. „Mich freut es, wenn die Leute sagen: Das haben Sie toll gemacht.“

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