Mittenwald – Nach dem tödlichen Bären-Angriff auf einen Jogger in der norditalienischen Provinz Trentino ist hierzulande die Diskussion über die Wildtiere entbrannt. Der Bär, der den 26-Jährigen vorige Woche angegriffen hat, stammt aus der Population, aus der in den vergangenen Jahren immer wieder Problemtiere über Tirol nach Bayern einwanderten.
Derzeit gibt es Berichte über mindestens zwei Bären im Mangfallgebirge auf Tiroler Seite. Dort sind die Sorgen groß. „Ich gehe nur noch mit einem Pfefferspray in den Wald“, berichtet Sabine Erhart, Pächterin der Ackernalm unterhalb des Hinteren Sonnwendjoches – einem beliebten Wanderziel. „Ich bin Jägerin und habe die Spuren schon mehrfach in der Nähe unserer Rotwildfütterung im Schnee gesehen.“ Auch im Tal, bei Landl, ist der Bär laut Sabine Erhart aufgetaucht. „Die Spuren waren direkt neben unserem Wohnhaus.“
Ende Juni 2022 waren mehrere Schafe nahe dem Hinteren Sonnwendjochs gerissen worden. Eine DNA-Analyse bestätigte: Es war ein Bär. Im Oktober tappte ein Bär in eine Fotofalle in der Nähe. Anfang März dieses Jahres gab es wieder Aufnahmen in den Brandenberger Alpen, die zwischen Achensee, Inntal und den Bayerischen Voralpen liegen. „Es ist ein großer und ein kleiner Bär“, berichtet Almbauer Georg Thaler, Besitzer der gerissenen Schafe. Er befürchtet: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Bären Menschen angreifen.“
Im Kreis Miesbach beobachtet man die Situation vor der Haustüre aufmerksam: „Es gibt große Sorgen in der Landwirtschaft“ so Bayrischzells Bürgermeister Georg Kittenrainer Georg (CSU). „Die Almwirtschaft funktioniert nicht mehr so, wie wir sie kennen, wenn sich Bären bei uns auf Dauer ansiedeln.“ Man müsse sich auch Sorgen um die Menschen machen, wie der Vorfall bewiesen habe.
Bergschafzüchter Christian Neuner (57) aus Mittenwald meint: „Die Ansiedlung von Bären ist außer Kontrolle geraten.“ 50 Bären hatte die Trentiner Landesregierung in ihrem Wiederansiedelungsprogramm vorgesehen, über 100 Exemplare leben nun dort 120 Kilometer von Bayern entfernt. Auf der Bäralp bei Scharnitz, 500 Meter hinter der Grenze, hatte im vergangenen Mai ein Bär 15 Schafe gerissen und für Unruhe kurz vor dem G7-Gipfel im nahen Schloss Elmau gesorgt. „Wenn der Bär das einmal gemacht hat, dann macht er das wie ein wildernder Hund wieder“, befürchtet Neuner. Er warnt, dass sich überzählige Bären aus dem Trentino in Bayern ansiedeln könnten. „Für diese Wildnis-Romantik ist in der heutigen Zivilisation kein Platz.“ Die letzte Bärensichtung vor Neuners Haustür war im Juni am Lautersee bei Mittenwald: „Der Bär wurde von einer Wanderin gesehen, der war ganz unauffällig und hat nichts gemacht. Aber je stärker eine Population wird, desto eher kommt auch der Mensch ins Beuteschema.“
Richard Mergner vom Bund Naturschutz in Bayern sagt: „Was in Italien passiert ist, ist ein Einzelfall.“ In vielen Balkanländern gebe es noch viel mehr Bären als in Italien. „Dennoch gibt es dort relativ selten Vorfälle mit Menschen.“ Mergner weiter: „Bevor man wieder über das Schießen von Bären diskutiert, sollte man die einzelnen Tiere genau beobachten. Man kann aus einem einzelnen Vorfall keine allgemeinen Schlüsse ziehen.“ Das Landesamt für Umwelt sieht derzeit keinen Grund zur Besorgnis, verweist auf das im „Bärenmanagement“ vorgesehene Monitoring und Ausgleichszahlungen für Betroffene von Wildrissen. „Die Sicherheit des Menschen hat höchste Priorität“, heißt es. we/mm