„Mister Nuernberg“ starb mit 103

von Redaktion

Ben Ferencz klagte bei den Nachfolgeprozessen SS-Täter für eine Million Morde an

Nürnberg – Eigentlich hätte Ben Ferencz längst den Friedensnobelpreis bekommen müssen, findet der Historiker und Journalist Philipp Gut. Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt hatte sich Ferencz zum Ziel seines Lebens gesetzt, sagte Gut über den Mann, dessen Biografie er verfasst hat. „Der Jahrhundertzeuge“ ist der Titel des Buches, in dem er den Juristen vorstellt, der in den USA vielen Menschen als „Mister Nuernberg“ ein Begriff ist. In Deutschland kennen den kleinen, immer untadelig und kultiviert auftretenden Amerikaner dagegen nur wenige. Am 7. April ist Ferencz im Alter von 103 Jahren in Florida gestorben.

Als der ehemalige Chefankläger der Nürnberger Prozesse vor rund drei Jahren 100 Jahre alt wurde, konnte man im Internet ziemlich aktuelle Videos aufrufen, die zeigen, wie geistreich, humorvoll und fit der alte Mann damals noch war. Ferencz beantwortete etwa die Fragen von Jurastudenten in Miami. Er kämpfte mit den Tränen, als er den jungen Leuten die Horror-Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern beschrieb. In Dachau, Mauthausen oder Buchenwald hatte er Berge von Leichen gesehen und Menschen, die fast verhungert und entkräftet auf den sogenannten Todesmärschen unterwegs waren. Andere, nur noch Haut und Knochen, die den Tod erwarteten. Seine Aufgabe war es, im Dienste des Militärs nach Kriegsende 1945 Beweise für die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu sichern.

Ferencz war dafür nach dem Kriegseinsatz zum zweiten Mal in Deutschland. Erst 25 Jahre war Ben Ferencz damals alt. Dem Sohn getrennt lebender ungarischer Eltern hätte die Mutter niemals die Elite-Ausbildung finanzieren können, die er da schon genossen hat. Für ihn ist der sprichwörtliche American Dream in Erfüllung gegangen – ihm war der Besuch einer Begabten-Highschool und ein Stipendium im angesehenen College ermöglicht worden.

Der sogenannte Einsatzgruppen-Prozess war sein erster Gerichtsfall. Der Prozess ist einer von zwölf sogenannten Nürnberger Nachfolge-Prozessen. Sie erreichten in Deutschland und weltweit nicht mehr die Aufmerksamkeit, die der Hauptkriegsverbrecherprozess im Nürnberger Saal 600 erreicht hatte. Im gleichen Saal saßen 1947 insgesamt 22 hochrangige SS-Männer auf der Anklagebank, denen der inzwischen 27-jährige Staatsanwalt Ferencz mehr als eine Million Morde vorwarf. Die Anklage lautete auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation. Sie seien „die grausamsten Exekutoren eines Terrors gewesen, der die dunkelsten Seiten der menschlichen Geschichte schrieb“, sagte der Chefankläger. Das Gericht verhängte 14 Mal die Todesstrafe. Alle Angeklagten wurden verurteilt. Ben Ferencz und seine Ermittler hatten die Beweise für ihre Taten geliefert. Der Völkermord sei für die Täter zur Routine geworden, stellte der Ankläger fest, der wohl der Erste war, der für solche Taten den Begriff „Genozid“ verwendete.

Nach den Nürnberger Prozessen blieb Ferencz zunächst in Deutschland, stritt für jüdische Holocaust-Opfer um Wiedergutmachung und die Rückerstattung von Vermögen. Mit seiner Frau Gertrude und den vier Kindern in die USA zurückgekehrt, widmete er sich ab den 1970er-Jahren dem Aufbau einer internationalen Strafgerichtsbarkeit. 2003 ging an Ferencz 83. Geburtstag ein Lebenstraum für ihn in Erfüllung: Die ersten Richter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wurden vereidigt.  epd

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