Sonthofen/München – Vor zehn Jahren sind Albert Göttles Ruhestandspläne von einem Tag auf den anderen ordentlich durcheinandergeraten. Damals war der Präsident des bayerischen Fischereiverbandes unerwartet zurückgetreten. Ein befreundeter Fischer rief damals bei Göttle an. „Willst du das nicht machen?“, fragte er. Göttle war damals 66 und Präsident des Landesamts für Umwelt, sein Ruhestand stand kurz bevor. Und dann so ein Angebot. „Es klang viel zu gut, um es nicht zu machen“, sagt er rückblickend. Vom Fischereiverband bekam er den Rückhalt, er wurde gewählt. „Natürlich wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt“, sagt er. „Aber hätte ich es gewusst, hätte ich mich nicht anders entschieden.“
Nun sind es wieder nur wenige Tage, bis ein Abschied ansteht. Bayerns Fischer wählen am 22. April einen neuen Präsidenten. Göttle tritt nicht mehr an. „Ich werde bald 76“, sagt der Allgäuer. „Es ist Zeit, das Amt an Jüngere abzugeben.“ Wer sein Nachfolger wird, steht bereits fest. Axel Bartelt, bis vor einem Jahr Regierungspräsident der Oberpfalz, ist der einzige Kandidat.
Der Abschied fällt Göttle nicht schwer. Er weiß, dass er sein Amt in gute Hände gibt. Und er blickt mit Stolz auf seine Amtszeit. Als er anfing, hatte der Verband 14 Mitarbeiter, heute sind es 23. Auch die Mitgliederzahl ist auf über 140 000 gewachsen. „Rund 11 000 Menschen machen jedes Jahr in Bayern die Fischerprüfung“, berichtet er. Nicht alle werden danach Mitglieder, aber Nachwuchssorgen plagen die Fischer nicht.
Für die großen Herausforderungen reicht jedoch eine zehnjährige Amtszeit nicht aus. Viele Fische in Bayern haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Lebensräume verloren, erklärt Göttle. Teils wegen des Klimawandels, teils weil natürliche Gewässerläufe begradigt wurden. „Das Bewusstsein für die Natur ist in den vergangenen Jahren aber ein anderes geworden“, sagt Göttle. Auch wegen Hitzesommern wie dem letzten, als viele kleine Gewässer komplett austrockneten und das Fischsterben sichtbar wurde. Seit den 80ern gibt es Fischzustandsberichte, die aufzeigen, wie es um die Tiere steht. „48 Prozent der heimischen Arten stehen auf der Roten Liste“, sagt Göttle.
Es ist ihm gelungen, in der Politik und in den Behörden für die Anliegen des Verbandes mehr Gehör zu finden. Auch, weil er gut vernetzt war. Der Bauingenieur hatte nicht nur im Wasserwirtschaftsamt gearbeitet, sondern auch im Innen- und im Umweltministerium. „Wir sind auch mit den Naturschutzverbänden Allianzen eingegangen, um gehört zu werden“, sagt er. Natürlich gibt es zwischen den Verbänden auch immer wieder Interessenkonflikte. Zum Beispiel, wenn es um den streng geschützten Kormoran oder den Gänsesäger geht, die den Fischen sehr zusetzen. Auch der Otter treibt Bayerns Fischer um. „Wir haben nicht den Anspruch, nur unsere Arten zu schützen“, betont der 75-Jährige. Er weiß, wie sensibel diese Themen sind. Und trotzdem hat er zehn Jahre leidenschaftlich für die Lebensräume der Fische gekämpft. „Die Position der Fischer ist stärker geworden“, sagt er. Sie benennen Fischereiaufseher, die dürfen sogar Bußgelder verhängen, wenn sie Regelverstöße beobachten.
Auch finanziell überlässt Göttle seinem Nachfolger einen gut aufgestellten Verband. In seiner Amtszeit ist ein Fördertopf entstanden, die Fischer zahlen eine Abgabe, das Geld fließt in Artenhilfsprogramme und geht an die Vereine.
Der Sonthofener will dem Verband auch künftig mit seiner Expertise zur Seite stehen. „Aber für unersetzbar halte ich mich nicht.“ Er freut sich darauf, einfaches Mitglied zu sein. Und endlich auch Rentner. So bleibt ihm mehr Zeit für seine sechs Enkel – und für seine lebenslange Leidenschaft: das Angeln. „Morgens am See zu sitzen und zu beobachten, wie die Sonne aufgeht, das sind die schönsten Momente.“ KATRIN WOITSCH