NATALIAS NEUANFANG

Heimatgefühle

von Redaktion

Diese Woche war für meine Eltern so festlich, wie es in Kriegszeiten möglich ist. Sie feiern dieses Wochenende orthodoxe Ostern. Zum zweiten Mal ohne mich. Aber sie fühlen sich trotzdem wohl, denn unsere Region wurde seit mehr als einem Monat nicht beschossen. Nur die Ausgangssperre von 0 bis 5 Uhr und extrem hohe Preise für alles erinnern an den Krieg.

Ich lebe seit mehr als einem Jahr in München und habe in dieser ganzen Zeit meine Eltern nicht gesehen. Ich vermisse sie und würde sie gerne besuchen, aber im Moment ist es noch zu gefährlich. Wir telefonieren jeden Tag und sie sind erleichtert, dass ich in Sicherheit bin. Natürlich bin ich nicht in München geboren und aufgewachsen, aber ich spüre trotzdem, dass es nach und nach zu meiner zweiten Heimat wird. Hier gibt es kein Schwarzes Meer mit der schäumenden Brandung, die ich meine ganze Kindheit lang gehört habe. Der Friedhof mit dem Grab meiner Großeltern ist auch weit weg und manchmal bin ich traurig, dass ich sie nicht besuchen kann. Doch es gibt hier viele Besonderheiten, die vorher nicht in meinem Leben da waren und die ich zu lieben und zu schätzen lernte. Mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, ist für mich schon alltäglich geworden. Zu Hause hatte ich nur als Kind ein Fahrrad. Aufgrund des Mangels an Radwegen ist das Radfahren rund um Odessa nicht so angenehm. Hier lernte ich auch die Zeit durch das Läuten von Glocken zu bestimmen, abends Kerzen im Zimmer anzuzünden und Zeitungen zu lesen. Früher habe ich von Mülltrennung nur gehört, jetzt sortiere ich sogar Glas nach Farbe. Ich gehe mit meiner eigenen Tasche in den Supermarkt, trage nur praktische Kleidung und engagiere mich am Wochenende ehrenamtlich. Wenn ich ordentliche Kisten mit einem Zettel „Zu verschenken“ vor den Haustüren sehe oder kostenlose Bücherschränke auf den Straßen, wird es mir immer ganz warm ums Herz. Hier lernte ich auch viel respektvoller mit den persönlichen Grenzen anderer Menschen umzugehen.

Auch die deutschen Traditionen haben mir sehr gut gefallen. Ich habe noch nie Weihnachten mit einem Adventskalender oder Ostern mit Eiersuche gefeiert. Mein erstes Oktoberfest mit Dirndl, Fasching mit den Krapfen und den Nikolaustag mit Weckmann werde ich nie vergessen. Jetzt weiß ich auch, was ein Tante-Emma-Laden ist und warum es in der Stadt so viele winzige, gemütliche Cafés gibt. München und Bayern haben mich gelehrt, dass man sich auch weit weg von der Heimat zu Hause fühlen kann. Manchmal scheint es mir, dass in meinem Herzen nicht genug Platz ist für all die Liebe und Dankbarkeit, die ich für dieses Land empfinde.

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