Jachenau – Die Hauptdarsteller des Tages sind ziemlich entspannt. Als sich die Klappen der beiden Viehtransporter öffnen, passiert erst einmal gar nichts. Dann wagt sich eine der Geißen vor. Ein beherzter Sprung in den knietiefen Schnee, und langsam zieht sie weiter Richtung Benediktenwand. Die anderen Tiere folgen. Nur nicht der Bock. Der peilt erst einmal die wartenden Fotografen an, schlägt dann doch noch einen Bogen und sucht bergab das Weite.
Das Freilassen der Tiere dauert nur einen Moment. Aber er ist der End- und Höhepunkt eines langen Prozesses. Schon 2019 wurde festgestellt, dass der Inzuchtgrad in der isoliert an den Benediktenwand lebenden Kolonie im Vergleich mit anderen am höchsten ist. Der Kreisjagdverband Bad Tölz und die Arbeitsgruppe Steinwild der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel initiierten daher 2020 ein Projekt, das das Ziel hat, frisches Blut in die Kolonie zu bringen. Und genau dafür soll nun das Steinwild aus der Schweiz sorgen. Die Tiere aus dem Wallis habe man gewählt, „weil sie zu einer anderen genetischen Gruppe gehören“, erklärt Iris Biebach von der Uni Zürich, die den Transport begleitete. Ihre Hoffnung ist jetzt, „dass sie sich vermischen, integrieren und in dem Habitat oben bleiben“. Wie erfolgreich das Projekt ist, wird man allerdings erst in zehn bis 30 Jahren wirklich feststellen können, „wenn wir sehen, ob die Inzucht reduziert wurde“.
Eigentlich sollten zehn Tiere an die Benediktenwand umziehen, geworden sind es am Ende acht – ein Bock und sieben Geißen, wobei mindestens eine von ihnen trächtig ist. Eingefangen wurden sie am Dienstag und Mittwoch. „Wir haben ein Narkosegerät. Die Schwierigkeit ist, dass wir damit nur 20 Meter weit schießen können“, erklärt Wildhüter Adrian Schmid. Nach einem Treffer schlafen die Tiere innerhalb von zehn Minuten ein, werden dann von einem Tierarzt kurz untersucht, bevor sie ins Tal gebracht werden. „Dort bekommen sie ein Gegenmittel, damit sie schnell wieder aufwachen“, erklärt Schmid.
Am Donnerstag erfolgte die genaue tierärztliche Untersuchung. Am Freitag, noch weit vor Morgengrauen, startete der Transport Richtung Jachenau. „Die Tiere waren sehr ruhig“, sagt Schmid. Kameras in den Hängern sorgten dafür, dass die Wildhüter immer alles im Blick hatten. „Wenn wir Pause gemacht haben, sind sie aufgestanden und haben uns angeschaut, so mit dem Blick: ,Lasst uns wieder raus in die Freiheit‘“, sagt er. Insgesamt sei er jetzt „sehr froh, dass alle gesund und heil angekommen sind“. Und er sei zuversichtlich, „dass sich die Tiere hier wohlfühlen werden“.
Das hofft auch die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. „Gruezi in der Region, Gruezi an der Benediktenwand“, begrüßt sie die vierbeinigen Gäste mit einem Schmunzeln. Eines ist ihr an diesem Tag besonders wichtig. „Ich bin so stolz auf Bayerns Jäger und vor allem auf die Kreisgruppe. Hier steckt ein langjähriges Engagement dahinter. Das begleiten und unterstützen zu dürfen, ist mir eine ganz besondere Ehre.“ Das Projekt sei langfristig angelegt, werde durch ein umfassendes Monitoring begleitet, das die örtlichen Jäger mit Begleitung durch Schweizer Wissenschaftler durchführen werden. Die erkennen die neuen Tiere übrigens sofort: an den farbigen Ohrmarken. „Hoffen wir alle das Beste, dass eine Blutauffrischung passiert und wir hier an der Benediktenwand einen gesunden Steinbockbestand für die Zukunft sicherstellen“, sagt die Ministerin.
Einfach nur glücklich war am Freitag Wolfgang Morlang, Vorsitzender des Kreisjagdverbands. „Heute ist alles gut“, sagt er und man merkt, wie erleichtert er ist, dass alles funktioniert hat. „Wir freuen uns, mit diesem Projekt auch für künftige Generationen diese großartige Wildart und ein gesundes Habitat zu erhalten.“
Mit sichtlicher Freude verfolgte auch Ernst Weidenbusch, Präsident des bayerischen Jagdverbands, wie die Tiere Richtung Benediktenwand wanderten. „Steinwild ist für mich immer etwas Besonderes. Ich freu mich einfach.“