„Jetzt pressiert’s aber“, sagt man bei uns in Bayern. Die Österreicher und die Schweizer formulieren auch so, wenn etwas keinen Aufschub duldet. Wenn das Kind von der Schule nach Hause kommt, mit verkreuzten Beinen vor der Haustür herumspringt und ruft: „Mir pressiert’s!“, dann geht man aus dem Weg und öffnet schleunigst die Badezimmertür. Es pressiert zum Zug oder ins Theater, beim Gewitter, wenn Wäsche oder Polster hereingeräumt werden müssen, mitten im Essenmachen, wenn die Gäste schon klingeln, am Hang bei der Abfahrt, auf dem Bob im Eiskanal und natürlich kurz vor dem Abgabetermin eines Artikels. Eigentlich pressiert es immer. Und manchmal sogar, ich liebe meinen Dialekt, „wia d’Sau“.
Meistens ist es schon richtig, dass man sich schwingt, weil der Druck von außen und innen um der Sache willen immer größer wird. Bedenkenswert scheint mir allerdings, dass in entscheidenden Situationen des Lebens gerne gesagt wird: „Das hat noch Zeit.“ Am Wochenende Besuch bei dem alten Lehrer, den man lange nicht gesehen hat? Oder am Sterbebett der Oma? Heute noch den Brief schreiben, in dem man sich für harte Worte gegenüber der Freundin entschuldigt? Jetzt die heiß ersehnte Urlaubsreise machen? Geht später auch noch. Hat alles Zeit.
Hat es nicht. Lebenszeit ist endlich, ihr sind Grenzen gesetzt – bei einem selbst und denen, die man lieb hat und die man wertschätzt. Es muss nicht immer gleich alles zu spät, der Mensch für immer gegangen sein, mit dem man eigentlich eine Begegnung wollte. Das gibt es natürlich auch. Aber es reicht schon, wenn ein gutes Wort nicht zum richtigen Zeitpunkt gesagt, ein Gesicht nicht mehr gestreichelt oder Arges rechtzeitig zurückgenommen werden kann. Und die schönen Pläne, die Sehnsüchte und Träume, die man lange in sich trägt, die schreien doch nach Verwirklichung.
Klar – nicht alles geht sofort. Man muss vielleicht eine Zeitlang abwarten und ordentlich sparen. Das steigert die Vorfreude. Bilder von dem, was da kommt, beflügeln die Seele. Sie geben Kraft zum Handeln. In Gesellschaft und Politik haben wie im Privatleben viele Entscheidungen für Menschlichkeit keine Zeit mehr. Frieden, Gerechtigkeit weltweit, Klima, Frauen-, Kinder- und Seniorenrechte… Die Rechte derer, die auf echte Gleichberechtigung warten. Trotzdem haben einige Herausforderungen ihren Platz auf der langen Bank zugewiesen bekommen, wo sie herumlungern, bis es womöglich zu spät ist. Nur: Auch wenn alles seine Zeit hat, hat nicht alles ewig Zeit. Es pressiert mit dem Leben.