Altötting – Georg Gänswein ist in seinem Element an diesem Abend. Der langjährige Privatsekretär des verstorbenen Papstes Benedikt XVI. spricht am Samstag in Altötting über sein Lieblings- und Lebensthema: seine Arbeit für Joseph Ratzinger. Er berichtet vom Leben in der „päpstlichen Familie“, davon, dass sein Chef sich auch als Oberhaupt der katholischen Kirche nicht verändert habe. Seinen Humor habe er sich bewahrt. Und zuallererst sei er Bayer gewesen – wohl danach erst Deutscher.
Das hört man gern in dem erzkatholischen Wallfahrtsort, in den Gänswein auch gereist ist, um dort am Sonntag in der Basilika den Gottesdienst zum Bruder-Konrad-Fest zu feiern. 96 Jahre alt wäre der deutsche Papst an diesem Sonntag geworden. Gänswein wurde an diesem Geburtstag auch noch in dessen Geburtsort Marktl erwartet – für eine Signierstunde.
Um die persönliche, privatere Seite des emeritierten Papstes und auch seines Privatsekretärs sollte es gehen am Samstagabend, wie Verleger Manuel Herder betont. Und so machen weder er noch Gänswein zum Thema, was vor der Buchpräsentation draußen vor dem Veranstaltungssaal geschieht. Dort stehen Mitglieder der Initiative „Sauerteig“ aus Garching an der Alz. Sie halten Schilder hoch und Transparente. „Ratzinger wusste Bescheid“ steht auf einem.
Ein von Ratzinger schwärmender Gänswein drinnen im Warmen vor wohlwollendem Publikum, Kritiker frierend draußen in der Kälte. Kein Moment der Begegnung. Altötting wird an diesem Abend zu einem Sinnbild für den Kampf um die Deutungshoheit über das Leben des bayerischen Papstes. Ein Besucher nennt die Demonstration eine „Unverschämtheit“ und ruft „Schämt Euch“, als er den Saal betritt.
Garching an der Alz, aus dem die Initiative „Sauerteig“ kommt, ist in der Debatte um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in den Fokus geraten, weil das Erzbistum einen verurteilten Wiederholungstäter dorthin versetzt hatte – und der Priester dort erneut Kinder missbrauchte. Eines seiner Opfer hat den Geistlichen, das Erzbistum München und Freising sowie die früheren Erzbischöfe Ratzinger und Kardinal Friedrich Wetter zivilrechtlich verklagt. Das Verfahren am Landgericht Traunstein wurde verschoben, weil noch nicht geklärt ist, wer nach Ratzingers Tod dessen Rechtsnachfolge antritt.
Die Initiative verteilt an diesem Abend Flugblätter, auf denen ein von Ratzinger unterschriebener Brief abgedruckt ist. Darin gestattet er auf Bitten des Erzbistums München und Freising, dass jener Priester H. die Heilige Messe mit Traubensaft statt mit Messwein feiern darf. Dass das Erzbistum mit dem Hinweis auf die Missbrauchstaten von Priester H. um diese Erlaubnis gebeten hatte, machte kürzlich Schlagzeilen.
Die Sprecherin der „Sauerteig“-Initiative, Rosi Mittermeier, sagt: „Dass kirchlicher Kindesmissbrauch mit Wissen und Duldung der obersten Verantwortlichen bis hin zum Altpapst Benedikt geschah, ist inzwischen unzweifelhaft belegt und erschütternder Teil der Wahrheit.“ Sie wolle betonen, „dass Joseph Ratzingers Wissen um dem Missbrauch auch zur Wahrheit gehört“, sagt sie.
Gänswein spricht am Samstag in Altötting derweil auch über sein neues Buch. Auch das hat einen vielsagenden Titel. Es heißt: „Nichts als die Wahrheit“.