Der Freibier-Streit von Maisach

von Redaktion

VON CARINA ZIMNIOK

Maisach – Es gibt diplomatische Angelegenheiten, die sind so verzwickt, da gibt es nur einen Lösungsweg: Rein ins Wirtshaus, zum Stammtisch, Hand ans Bierglas und prosit. In Maisach, Kreis Fürstenfeldbruck, haben sie gerade so ein Schlamassel. Es geht dabei um eine Sache, die dem Bayern heilig ist und die er zur Not mit allen Mitteln verteidigt. Es geht ums Freibier. Und dann noch um Gleichberechtigung. Halleluja.

Freitagmittag, Bräustüberl Maisach. Gipfeltreffen. Auf der einen Seite: Elvira Mader, 52, Angestellte im Landratsamt, zwei erwachsene Kinder, trinkt nicht oft, aber dann ganz gern Weißbier oder Dunkles. Auf der anderen Seite: Michael Schweinberger, 61, Chef der Maisacher Brauerei, trinkt am liebsten Maisacher Bier, klar. Die beiden sitzen am Tisch, und vor ihnen dampfen Weißwürst. Jetzt wird verhandelt. „Naja“, sagt der Brauereichef. „Eher ein erstes Sondierungsgespräch.“ Dann lacht er.

Es ist nämlich so: In Maisach gibt es seit fast vier Jahrzehnten die sogenannte Bierrente. Das hat sich der Vorvorgänger von Michael Schweinberger ausgedacht, zusammen mit den Leuten vom „Fürstenfeldbrucker Tagblatt“. Die Idee: Die Gemeinde meldet der Brauerei Maisach jedes Jahr alle Bürger, die 70 Jahre alt geworden sind. Die Brauerei lädt die Jubilare zu einem Treffen. Dort bekommen sie einen Bierkrug und eine Stempelkarte. Und ab sofort dürfen sie sich im Bräustüberl einmal in der Woche eine Halbe Freibier einschenken lassen. Lebenslang. „Eine soziale Aktion“, sagt Brauerei-Chef Schweinberger. „Damit die Rentner kein einsames Dasein fristen.“ Vor einigen Jahren wurde die Altersgrenze auf 75 angehoben, eine Sparmaßnahme. Schweinberger schätzt, dass er für die Bierrente im Jahr 15 bis 20 Fässer locker macht. 500 bis 1000 Liter Bier. Jahrzehntelang lief die Aktion so geschmeidig wie das flüssige Gold aus dem Zapfhahn.

Dann kam Elvira Mader. Und die stellte die Frage aller Fragen: „Warum bekommen eigentlich Frauen keine Bierrente?“ Sie selbst ist erst 52, weit entfernt von der Rente und noch weiter von der Bierrente. Aber diese Benachteiligung am Stammtisch hat sie schon lange geärgert. Als neulich wieder einmal ein Bild von Freibier-Rentnern in der Lokalzeitung war, hat sie einen Leserbrief geschrieben. „Sind wir nicht erwünscht? Gehören Frauen nicht ins Wirtshaus, sondern nur hinter den Herd?“

Was Elvira Mader besonders ärgert: „Es gibt in der heutigen Zeit doch viel mehr Runden von Frauen als Männerstammtische.“ Vielleicht gibt’s da eher Kaffee und Kuchen oder mal eine Pizza – aber das ist ja wurscht. Treffen ist Treffen, Ratsch ist Ratsch. Und wo bitte wäre das Problem, findet Elvira Mader, wenn sich auch Frauen zum Freibier im Maisacher Bräustüberl treffen würden? Von vielen wurde sie seit dem Leserbrief angesprochen. „Alle haben mir recht gegeben“, sagt Elvira Mader. Auch ihr Mann.

Brauereichef Schweinberger gibt eine Sache zu: „Das Bier ist neutral, divers, also für alle Geschlechtsformen gleichermaßen zugänglich“, findet er. „In Bayern erst recht, weil es neben der CSU und Neuschwanstein zu den drei wichtigsten Kulturgütern zählt.“ Aber zum Rentner-Stammtisch, der sich regelmäßig am Donnerstag trifft, will er die Frauen nicht einfach dazupacken. „Das passt einfach nicht.“ Weil sich die Bierrentner ihre Freihalbe aber auch an jedem anderen Tag abholen können, wären freilich zusätzliche Stammtische möglich. Schweinberger hat schon eine Idee. „Man könnte überlegen, ob wir einen Freibier-Ratsch für Frauen einführen“, sagt er. Freibier – so heißt auch das alkoholfreie Bier seiner Brauerei. Elvira Mader findet das nicht schlecht.

Ist das der Maisacher Bierfrieden? Nicht ganz. Der Brauereichef überlegt noch, ob er künftig allen Ü75-Damen in Maisach Freibier ausschenkt. Aber auf eine Sache haben sich Schweinberger und Mader geeinigt. Wenn Elvira Mader nächstes Jahr im Fasching wieder mit ihren Freundinnen beim Umzug mitläuft, Gruppenname „Freche Hühner“, reine Frauenangelegenheit, dann läuft Schweinberger mit. Als Zapfhahn.

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