Meister einer aussterbenden Kunst

von Redaktion

Rainer Leonhardt ist Geigenbauer in Mittenwald – ihn plagen Nachwuchs-Sorgen

Mittenwald – Die Werkstatt für Streichinstrumente im Mittenwalder Mühlenweg besteht seit fast 100 Jahren. Rainer Leonhardts Großvater hat sie 1926 gegründet, inzwischen arbeiten hier sieben Angestellte an Violinen und Celli. Der Meister beglückt damit Kundschaft von fünf bis 85, zu jedem, der durch die Ladentür kommt, baut er eine Beziehung auf. Doch er ist einer der Letzten seiner Art. Es gibt zu wenig Nachfolger für die Tradition. Er verrät, warum er trotzdem in seinen Betrieb investiert.

Wo werden Ihre Geigen denn überall gespielt?

Auf der ganzen Welt. Unsere Schwerpunkte sind Asien, hauptsächlich Japan. Aber auch Amerika, Australien, Korea, Taiwan, Hongkong, Singapur, China. Wir haben auch schon nach Kirgisien verkauft oder nach Nordkorea. Ich habe Händler in Tokio, Washington, New York und Brisbane. Die bestellen Geigen aus unserem Katalog.

War das immer schon so international?

Mit Japan hatte schon mein Großvater sehr gute Beziehungen. Er hat auch schon vor 60 Jahren auf der Handwerksmesse ausgestellt. Dadurch entstanden Kontakte, die wir bis heute pflegen. Ich bin meinem Opa sehr ähnlich, bin genauso umtriebig.

Während der Pandemie haben Sie sich etwas Tolles ausgedacht…

Durch die letzten drei Jahre hat sich unser Geschäft komplett verändert. Ich habe sieben Mitarbeiter. Da hast du die Wahl: Setzt du die vor die Tür, weil es nicht mehr geht? Oder ziehst du sie mit durch? Klar ist, ein Schiff fährt nur, solange die Mannschaft an Bord ist. Aber der Kapitän muss das Schiff durch jeden Sturm segeln. Meine Frau, unsere Töchter und ich wussten, es wird nicht gehen, wenn monatelang kein Kunde kommt. Also haben wir investiert. Wir richteten ein Fotostudio ein, ließen einen Fotografen kommen und eine neue Webseite machen. Wir haben zwei Jahre lang nur fotografiert, Texte bearbeitet und zu jedem Instrument ein Klangbeispiel gestellt. Das wird jetzt so weitergeführt.

Planen Sie etwas zum Hundertjährigen?

Mit Sicherheit. Eine große Feier mit meinen treuesten Kunden. So habe ich es mir immer vorgestellt. Wenn alles in seinen Bahnen läuft, möchte ich da auch mein Geschäft übergeben.

War immer klar, dass Ihre Tochter übernimmt?

Ganz klar ist nie was im Leben. Wie es in zwei Jahren ausschaut, wissen wir nicht. Mein Ziel ist, dass das Geschäft weitergeführt wird. Mehr möchte ich darüber nicht sagen. Ich hoffe, dass es in der Familie weitergeführt wird. Wer dann genau welchen Part übernimmt, ist noch Privatsache.

Ihr Beruf steckt in der Krise, weil Nachwuchs fehlt.

Ich spreche gerne Sachen an, die andere nicht sagen wollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Mittenwald knapp hundert Instrumentenmacher angesiedelt: Gitarrenbauer, Saitenmacher, Etuihersteller, Stegbauer, Bogenmacher. Sie kamen als Kriegsvertriebene und haben der Gemeinde einen richtigen Schub gegeben, ihr neues Leben eingehaucht. Die meisten sind leider inzwischen gestorben, da ist nicht mehr viel übrig. Mittenwald wirbt zwar immer noch als Geigenbauort, mit Himmel voller Geigen und so.

Klingt doch gut!

Aber es ist sehr viel Märchen dabei! Tatsache ist, dass praktisch nichts mehr übrig ist vom Mittenwalder Geigenbau. Es gibt hier noch acht Betriebe, davon produzieren nur noch vier oder fünf. Ich fürchte, das wird nicht besser. In der Geigenbauschule ist seit vielen Jahren kein Mittenwalder mehr ausgebildet worden. Der Nachwuchs fehlt. Es wurde auch versäumt, die Ausbildung für die Mittenwalder wieder attraktiv zu machen. Es war eher anders herum: Einige Mittenwalder wollten in die Schule und haben die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Ich zweifle nicht die Prüfung an. Tatsache ist aber, dass die jungen Leute in der Schule nicht genommen wurden, mein Sohn eingeschlossen.

Gibt es denn kein Einheimischenmodell?

Vor 40 Jahren schon. Die Eltern sind zu Hause angerufen worden. Wie schaut es aus? Hat dein Bub nicht Lust, zu uns in die Geigenbauschule zu gehen?

So war es zum Beispiel bei Ihnen.

Genau. Klar, dass es in der heutigen Zeit anders ist. Die Geigenbauschule hat sich verändert. Es geht viel um Fachtheorie, das Praktische ist in den Hintergrund gerückt. Im Grunde geben auch die Leute hier dem Geigenbau keinen großen Rückhalt. Sie identifizieren sich nicht mehr damit.

Warum war Geigenbau immer Ihr Traumberuf?

Ich hatte immer vor, etwas mit Holz zu machen. Ich hätte auch Lust auf Möbelrestaurator gehabt, aber ich habe die Entscheidung nie bereut. Wir leben sehr gut davon, und mir macht es jeden Tag Spaß. Es ist vielleicht einfach der richtige Beruf für mich. Mir gefällt der Moment, wenn ich ein Instrument fertig habe und anfange, es zu lackieren, das Holz leuchtet und ich hole aus der Maserung alles raus. Auch wenn die Kunden dann da sind und strahlen: Das macht Spaß, und es macht mich glücklich.

Ihr Großvater wäre stolz auf Sie.

Absolut. Wir haben hier über Generationen etwas geschaffen, das es nicht so oft gibt. Ich kenne die Kollegen in Deutschland, Europa und auch weltweit. Wenn Sie zu mir kommen, haben Sie hier 30 Celli und 100 Geigen hängen, da können Sie sich austoben. Und bei uns ist alles sehr ordentlich. Wenn du am Montag früh kommst und startest im Chaos, hast du am Mittwoch schon keinen Bock mehr. Jeden Freitag wird hier aufgeräumt und geputzt.

Wie bringen wir Mittenwald denn jetzt wieder zum Klingen?

Die Geigenbauschule und die Gemeinde müssten sich zusammensetzen und überlegen: Wie kann man dem Geigenbau einen Push geben, damit es nicht in 20 Jahren ganz vorbei ist. Je mehr Geigenbau-Betriebe hier ansässig sind, desto mehr Menschen kommen. Mittenwald war einmal ein Geigenbauzentrum, ein Besuchermagnet! Von 3000 Bürgern haben 1000 im Geigenbau gearbeitet. Mittenwald war das, was heute Cremona ist. Heute ist unsere Geigenbauschule die einzige weltweit. Sie nimmt pro Jahr nur zwölf Schüler, die kommen aus aller Welt.

Können Sie selbst Geige spielen?

Ich kann Tonleitern, aber ich bin kein Geigenspieler. Ich hätte es gern gekonnt, aber nach sechs Jahren Unterricht hab ich aufgegeben.

Interview: Tina Schneider-Rading

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