Miesbach/München – Der erste Termin, der am Montagmorgen in Olaf von Löwis’ Kalender steht, ist einer, für den er sich viele Argumente zurechtgelegt hat. Der Schulleiter des Tegernseer Gymnasiums kommt zu ihm ins Miesbacher Landratsamt – mit der Frage, wann seine Schüler die Turnhalle wieder nutzen können. Seit Monaten wird sie für die Unterbringung von Geflüchteten genutzt. Von Löwis (CSU) traut sich nicht mal zu versprechen, dass sie zum Beginn des neuen Schuljahres wieder frei sein wird. „Ich hoffe es“, sagt der CSU-Landrat. Doch so lange weiterhin im Zwei-Wochen-Takt Busse mit Geflüchteten in Miesbach ankommen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die drei Turnhallen des Landkreises mit Feldbetten zuzustellen.
Schon seit Monaten ist die Flüchtlingsunterbringung das Thema, das von Löwis und vielen anderen Landräten die größten Sorgen bereitet. Nahezu alle Unterkünfte sind voll belegt. „Wir sind kreativ, versuchen neue Lösungen zu finden“, sagt er. Doch alle 14 Tage kommen weitere 50 Menschen bei ihm an. Schon vor zwei Monaten bat der Miesbacher Landrat die Regierung von Oberbayern eindringlich um eine Verschnaufpause, um neue Unterkünfte zu schaffen. Inzwischen weiß er, wie unrealistisch diese Hoffnung ist. „Die Verschnaufpause bräuchten alle Landkreise – überall spitzt sich die Situation zu.“ Und die Behörden in Bayern leiten die Menschen nur weiter, betont er. „Eine Pause könnte uns nur Berlin verschaffen.“ Von Löwis hat nicht das Gefühl, dass dort angekommen ist, wie angespannt die Situation vor Ort ist. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“
Die Lösung mit den Turnhallen hat dem Landrat von Anfang an nicht gefallen. Wegen der Enge gibt es oft Streit, ansteckende Krankheiten verbreiten sich schnell, auch die Asylhelfer können dort nur wenig für die Menschen tun. „In den Hallen sind auch viele kleine Kinder untergebracht.“ Teilweise seit Monaten.
In Holzkirchen plant der Landkreis ein Container-Dorf für rund 220 Flüchtlinge. Die ersten können vermutlich erst im Sommer dorthin umziehen. Wegen der Bürokratie hat die Planung fast ein Jahr gedauert, berichtet von Löwis. Einiges würde mittlerweile schneller gehen. Die Ausschreibungsprozedur und andere Probleme bleiben. „Auch heute dauert es drei bis fünf Monate, so eine Lösung umzusetzen“, sagt er. Die Zeit hat fast kein Landkreis mehr.
Auch in Fürstenfeldbruck beispielsweise ist in den Unterkünften nahezu jeder freie Platz belegt. Dort droht ein zusätzliches Problem: Unklar ist, ob das Ankerzentrum am Fliegerhorst 2024 erhalten bleibt. Andernfalls müsste der Landkreis 1000 zusätzliche Plätze für Flüchtlinge schaffen, um die Quote erfüllen zu können.
Überall entstehen gerade wieder Container-Siedlungen. Neben dem Landratsamt in Bad Tölz werden drei Leichtbauhallen aufgebaut, in denen 128 Menschen unterkommen sollen. Doch die Landkreise können nicht so schnell Unterkünfte schaffen, wie Menschen nachkommen.
Im April kamen bisher im Schnitt 37 Asylsuchende pro Tag in Oberbayern an, die auf die Landkreise verteilt werden müssen. Im März waren es durchschnittlich 38 pro Tag, im Januar noch 50. Die meisten stammen aus Afghanistan, Syrien, der Türkei und dem Jemen. Noch ist die Stimmung in der Bevölkerung großteils entspannt. Natürlich gebe es auch kritische Stimmen, sagt von Löwis. Neulich fragten ihn Bürger, ob sie sich auch erst auf die Straßen kleben müssten, damit ihre Sorgen ernst genommen werden. Von Löwis nimmt sie sehr ernst. Alle suchen Lösungen, sagt er. Auch die Bürgermeister sind zu allem bereit. Aber jede neue Unterkunft, die sie finden, ist sofort belegt. „Wir kriegen die Turnhallen so nicht leer.“ Nicht, wenn es bei den Zuweisungen in diesem Takt bleibt.
Es gibt zwischen all den Sorgen aber immer auch die Momente, in denen er stolz ist auf seinen Landkreis. Maßlos stolz. Der Zusammenhalt ist noch immer groß. „Alle ziehen an einem Strang.“ Auch der Schulleiter reagiert an diesem Morgen mit Verständnis, als er hört, dass seine Schüler mindestens noch bis Herbst für den Sportunterricht nach Gmund fahren müssen. „Ich hätte ihn für diese Reaktion am liebsten umarmt“, sagt von Löwis. Er hofft, dass diese Stimmung die nächsten Monate überlebt. KATRIN WOITSCH