Mit der App auf Maibaum-Jagd

von Redaktion

Zwei Brüder aus Herrsching verbinden Brauchtum mit moderner Technik – und viel Kreativität

Ludwig (25) und Korbinian Darchinger (23) haben schon länger keine Nacht mehr durchgeschlafen. Entweder bewachen die Brüder aus Herrsching im Kreis Starnberg ihren Maibaum – oder sie kundschaften aus, wie gut die Maibäume anderer bewacht werden. Klau und Klau-Verhinderung sind ihr großes Hobby. Doch das Brauchtum hat es nicht mehr so leicht wie früher. Es wird immer schwieriger, Leute zu finden, die sich dafür die Nächte um die Ohren schlagen. Deshalb sind die Darchingers kreativ geworden. Sie haben eine App und eine Internetseite entwickelt, um Verstärkung zu bekommen. Oder entscheidende Tipps.

Ihr freut euch das ganze Jahr auf die Maibaum-Zeit. Was ist der Reiz daran?

Ludwig: Es ist aufregend und ein riesengroßer Nervenkitzel, nachts die Wachen auszukundschaften. Und natürlich macht es einen Heidenspaß, wenn wir einen Baum klauen.

Ist die Maibaum-Jagd schwerer geworden?

Ludwig: Es gibt mehr Bewacher, die mit Bewegungsmeldern oder Kameras arbeiten. In Wangen haben sie sogar einen Live-Stream von ihrem Baum ins Internet gestellt, um sich die nächtliche Wache zu sparen. Unmöglich ist der Klau dadurch nicht. Ich glaube nicht, dass jemand die ganze Nacht vor der Kamera sitzt. Schwierig wird’s, wenn ein Alarm eingerichtet ist. Dann muss man schnell sein.

Letztes Jahr ist euch ein Superklau gelungen. Erzählt mal, wie ihr das Augustiner-Team in München ausgetrickst habt.

Korbinian: Erst haben wir tagelang nach dem Maibaum-Lager gesucht. Weil wir’s aber nicht gefunden haben, haben wir einfach angerufen und uns als Maibaum-TÜV ausgegeben. Wir haben gesagt, dass sie einen Termin verpasst haben, uns herbestellt haben und jetzt keiner weiß, wo der Baum liegt. Der Herr am Telefon hat dann bereitwillig erzählt, wo sie den Maibaum lagern. Er war in einer Halle eingeschlossen. Unbewacht.

Ludwig: Einfach war’s trotzdem nicht. Ich musste durch ein Fenster einsteigen, mitten in München. Wir dachten, es ruft jemand die Polizei. Offenbar hat es aber niemanden interessiert. Ich bin rein und habe die Tür von innen geöffnet. Mein Bruder ist zurück nach Herrsching gefahren, hat einen Lkw vorbereitet und die Leute zusammengetrommelt.

Wie leicht ist es, mitten in der Nacht so viele Leute zusammenzutrommeln?

Ludwig: Das wird immer schwieriger. Wir haben zwar eine große WhatsApp-Gruppe, aber nicht alle sind bereit, nachts loszufahren. Korbinian: Für viele ist es einfach schwer, das mit dem Beruf zu vereinbaren. Einige verschlafen oder sind nicht erreichbar. So ist damals unsere Idee für die App entstanden.

Wie funktioniert die App?

Ludwig: Ähnlich wie bei Feuerwehren. Wer die App installiert, wird aus dem Bett geklingelt, wenn es einen Alarm gibt. Selbst dann, wenn das Handy auf stumm geschaltet ist. Wir können alle mit einem Knopfdruck aufwecken. Und sie können mit einem Klick zusagen.

Ist die App denn spionagesicher?

Ludwig: In die App kommt man nur, wenn wir die Personen kennengelernt haben und sicher sind, dass sich keine fremde Burschenschaft einschleusen will. Der Standort vom Baum, den wir stehlen wollen, bleibt bis zum letzten Moment geheim. Wir teilen nur einen Treffpunkt mit.

Als Programmierer hast du fast ein Jahr an der App getüftelt. Wie viele Helfer habt ihr damit gewonnen?

Ludwig: Etwa 20 Leute aus vielen Landkreisen. Sogar aus München. Einer ist nach Bayern gezogen, auf seiner Lebenswunschliste steht, dass er einmal einen Maibaum klauen will. Ich glaube, so geht es vielen. Meistens sind es ja Burschenschaften, die zuschlagen. Wir sind aber kein abgekapselter Kreis.

Zur App kam noch die Internetseite: maibaumdiebe.bayern. Warum?

Ludwig: Wir wollen noch mehr Menschen erreichen. Deshalb hängen wir auch Plakate auf, um die Internetseite bekannter zu machen. Dort gibt es auch ein Hinweisportal. Wir haben schon etwa 15 Tipps bekommen. Dann geht es ans Auskundschaften.

Hört ihr auch Kritik dafür, dass ihr Brauchtum mit moderner Technik lebt?

Ludwig: Es gab ein paar Kommentare. Ich verstehe das aber nicht. Warum ist es denn okay, sich mit einem Anruf aufzuwecken, aber nicht mit einer App? Es macht doch keinen Unterschied, wie man sich organisiert. Es verschafft uns höchstens einen Zeitvorsprung.

Beim Klau selbst hilft die App ja leider nicht…

Ludwig: Nein, es gibt noch keine Funktion, um einen Maibaum per Knopfdruck zu klauen (lacht). Aber das würde ja auch keinen Spaß machen.

Müssen Maibaum-Diebe auch beim Klauen kreativer werden?

Korbinian: Sind wir ja letztes Jahr mit dem Maibaum-TÜV. Was die Kreativität angeht, gibt es keine Grenzen.

Wo liegen für euch die Grenzen des Brauchtums? Was ist nicht erlaubt?

Korbinian: Brauchtum hört auf, wenn man den Baum einsperrt oder mit Ketten festmacht. Auch zustellen finde ich schwierig. Dass mal ein Bauwagen davor gepackt ist, ist normal. Dann braucht man viele Leute, um ihn wegzuschieben. Aber wenn ein Container davor steht, haben wir keine Chance mehr. Das ist kein Brauchtum mehr.

Interview: Katrin Woitsch

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