Wende im Prozess dank neuer Technik?

von Redaktion

VON ANGELA WALSER

München – Manfred Genditzki hatte stets bestritten, im Oktober 2008 die 87-jährige Lieselotte Kortüm ermordet zu haben. Die Rentnerin wurde tot in ihrer Badewanne gefunden, Genditzki war damals der Hausmeister. 13 Jahre lang saß der heute 62-Jährige aus Rottach-Egern im Kreis Miesbach wegen Mordes im Gefängnis. Am Mittwoch wird der Prozess neu aufgerollt. Und dabei werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse ganz entscheidend sein – sie könnten Genditzki rehabilitieren.

Eine Pflegerin hatte die Leiche der Seniorin damals in einer mit Wasser gefüllten Badewanne gefunden. Bei der Obduktion hatte der Gerichtsmediziner zwei Hämatome an ihrem Kopf entdeckt. Er hielt sie für schwer mit einem Unfallgeschehen in Einklang zu bringen. Nur der Hausmeister kam als Tatverdächtiger infrage. Genditzki wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Doch nun gibt es an der Universität Stuttgart zwei Wissenschaftler, die mit ihren Forschungen so weit sind, dass sie durch eine Simulationsmethode sowie ein thermodynamisches Gutachtens Gegenteiliges beweisen wollen. Aus ihren Berechnungen gelang es einer dritten Wissenschaftlerin einen exakteren Todeszeitpunkt zu errechnen, der Genditzki entlastet.

Die Frau heißt Gita Mall, sie ist Chefin der Rechtsmedizin in Jena und arbeitete zwischen 2003 und 2007 in der Rechtsmedizin in München. Dort untersuchte sie in einer Klima-Simulationskammer die Abkühlung bei Leichen unter kontrollierten Bedingungen. Mithilfe von Kollegen lagerte sie über die Jahre insgesamt 84 Leichen in der Klimakammer. Die war von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitfinanziert worden. Als Gita Mall nach Jena ging, nahm sie die Kammer mit.

Schon in München hatte sie sich brennend für die Berechnung des genauen Todeszeitpunkts interessiert. Extra dafür studierte sie mehrere Semester Mathematik. Sie verlässt sich aber nicht nur auf ihre aus dem Ingenieurswesen abgeleitete Methode, sondern greift auch auf ein herkömmliches Modell zurück und macht zusätzlich einen Plausibilitätsabgleich mit einer Datenbank.

Wichtige Vorarbeit für ihre Berechnungen im Fall Genditzki leisteten die Stuttgarter Professoren Syn Schmitt und Niels Hansen. Ersterer entwickelte ein Simulationsmodell, das menschliche Bewegungsabläufe abbildet. Und nach diesem Modell war es sehr wohl plausibel, dass sich Lieselotte Kortüm die Hämatome durch einen Sturz auf den Wannenrand zuzog.

Schmitts Kollege Hansen wiederum beschäftigte sich mit der Eingrenzung der Wassertemperatur zum Zeitpunkt der Auffindung des Leichnams. Diese Arbeit erlaubt Rückschlüsse darauf, wie lange die Leiche im Wasser lag und somit Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt. Den legt Rechtsmedizinerin Mall erheblich außerhalb des Zeitfensters fest, das die Gerichte für die vermeintliche Tat angenommen hatten.

Viel Wissenschaft wird also den bevorstehenden Prozess begleiten. Für den Angeklagten Manfred Genditzki indes könnte sich die Forschung endlich auszahlen. Bei der Revision im Jahr 2011 war Schmitt noch am Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeiten gestanden. Schon damals war er von der Verteidigung als Sachverständiger angefragt worden.

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