Anstößige Kriegerdenkmäler

von Redaktion

Bezirk Oberbayern hält Inschriften teilweise für erklärungsbedürftig

VON DIRK WALTER

München – Die Kreisvorsitzenden der Krieger- und Soldatenvereine in Oberbayern werden demnächst Post vom Bezirk erhalten. Inhalt: ein Buch, das die freundliche Aufforderung beinhaltet, die Gefallenendenkmäler vor Ort doch mal genauer nach anstößigen Inschriften und Darstellungen zu untersuchen.

Die Kulturwissenschaftler Norbert Göttler und Elisabeth Tworek haben eine Art Grundlagenwerk zu den Kriegerdenkmälern in Oberbayern vorgelegt. Das Buch verzichtet wohl bewusst auf eine sensationsheischende Skandalisierung einzelner Denkmäler. Es ist gut lesbar, verzichtet auf unverständliche Wissenschaftssprache, sondern benennt schnörkellos die Probleme. „Ich bin nicht zu dem Schluss gekommen, dass man irgendein Denkmal abbauen muss“, sagte Autor Göttler gestern bei einer Buchvorstellung. Aber erklärungs- und ergänzungsbedürftig seien manche schon.

Kriegerdenkmäler sind alt, aber nicht uralt. Denkmäler für den 30-jährigen Krieg „gibt es so gut wie nicht“, und nur eines – in Königsdorf (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) – stammt aus der Zeit unmittelbar nach der Sendlinger Schlacht 1705. Die meisten entstanden nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 sowie nach dem Ersten Weltkrieg, eher wenige neu in der NS-Zeit oder nach dem Zweiten Weltkrieg. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg waren die Denkmäler noch relativ schlicht und zum Teil auch Dutzendware. „Manche Gemeinden kauften sie von der Stange“, sagte Göttler, Bürgermeister sahen sich Kataloge durch, was sich ihre Gemeinde leisten könnte.

Doch in den späteren Jahren der Weimarer Zeit atmeten die Denkmäler mehr und mehr einen militärischen, pathetischen Geist. Ganz militaristische Exemplare hätten schon die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Verkehr gezogen. Sie verboten auch die Darstellung schwerer Waffen wie Granaten oder Maschinengewehre. Das führte in Neuötting dazu, dass das Denkmal 1945 abgebaut wurde – aber 1955 nach Abzug der Amerikaner wieder aufgestellt wurde. Noch heute steht es ohne jede Erklärung im Ort. Hier hält Göttler zumindest eine erläuternde Tafel für sinnvoll. Anstößige Formulierungen über „Helden“ und „Gefallene“ (Göttler: „kein Soldat fällt, er stirbt“) gebe es viele, aber 25 bis 30 Denkmäler in Oberbayern seien so problematisch, dass eine Erklär-Tafel notwendig sei. In einem eigenen Kapitel über „Problematische Kriegerdenkmäler“ sind solche Fälle aufgelistet. So gibt es etwa in der evangelischen Pfarrkirche von Oberallershausen (Kreis Freising) eine Gedenktafel für die Toten des Kriegs von 1870/71, auf der es heißt: „Wir kämpften treu in Feindesland, und starben gern fürs Vaterland“. Göttler dazu: So war es natürlich nicht, niemand starb gern.

In Etting bei Polling (Kreis Weilheim-Schongau) finde sich die fragwürdige Aufforderung: „Lasset uns mannhaft für unsere Brüder sterben“. In Haag (Kreis Mühldorf) steht auf einem Denkmal: „Besser in der Schlacht zu fallen, als des Volkes Unglück schauen“. In Apfeldorf (Kreis Landsberg) steht auf dem Denkmal eine Germania mit erhobenem Schwert. Göttler dazu: Kaum bekannt ist, dass dies ein Symbol des Franzosenhasses war. Und in Kolbermoor (Kreis Rosenheim) befindet sich König Ludwig II. auf einem Kriegerdenkmal – „dabei war er alles andere als ein Kriegstreiber“, wie Göttler sagte. Sein Fazit: „Das gehört nicht zusammen.“

Bei aller Kritik gibt es auch positive Beispiele, worauf Elisabeth Tworek hinwies. So sei der Text am Oberammergauer Denkmal modernisiert worden – „ein sehr positives Beispiel“, wie sie lobte. In Schliersee oder Dachau wiederum sind anstößige Inschriften, die etwa an tote Freikorps-Soldaten erinnern, mit Tafeln versehen worden. Im Idealfall gehe es dann nicht mehr um „Heldenverehrung“, sondern um ein „Friedensmahnmal“.

Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) würdigte das Buch. Es sei das erste Mal, dass ein Bezirk in Bayern so etwas vorlege. Nach der Lektüre „lese ich die Inschriften der Kriegerdenkmäler jetzt anders“.

Kriegerdenkmäler in Oberbayern

„Von der Heldenverehrung zum Friedensdenkmal“ von Norbert Göttler und Elisabeth Tworek, Pustet Verlag, 29,95 Euro.

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