München – Anna (14) und Victoria (15) sind zwei mutige junge Mädchen. Sie berichten offen von ihren schweren psychischen Erkrankungen. Victoria ist magersüchtig, mittlerweile geht es ihr besser, sie lebt wieder daheim. Anna leidet unter massiver Angststörung, ist nach wie vor in der Schön Klinik, in der auch schon Victoria Hilfe bekommen hatte. Der Leiter der Einrichtung, Ulrich Voderholzer, kennt Fälle wie die von Victoria und Anna zu tausenden: „Für Kinder und Jugendliche ist die Pandemie noch lange nicht vorbei“, sagt er. Der DAK-Report berichtet von 54 Prozent mehr neu diagnostizierten Essstörungen bei Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren und 24 Prozent mehr neu diagnostizierten Angststörungen. Voderholzer kritisiert: Psychotherapeuten könnten sich ihre Patienten aussuchen und somit schwere Fälle meiden, zudem würde viel zu früh zu Antidepressiva gegriffen, anstatt die Jugendlichen langfristig zu therapieren.
Eine Magersucht kommt schleichend und für die Eltern meistens überraschend. Victorias Mutter erzählt, dass ihre drei Kinder während der Lockdowns „wie die Primeln eingegangen“ seien. Victoria bereitete ihr aber zunächst am wenigsten Sorgen. „Sie war diszipliniert, machte Sport, ernährte sich gesund.“ Aber sie verheimlichte, dass sie immer weniger aß, immer extremer sportelte. Ihr Hausarzt bekam nicht mit, wie Victoria immer dünner wurde, wie sie sich lagendick anzog und literweise Wasser trank, bevor sie sich auf die Waage stellte. „Während der Lockdowns habe ich mich statt mit Freunden und Hobbys immer mehr mit meiner Essstörung beschäftigt“, erzählt sie.
Irgendwann musste Victoria dann doch ins Krankenhaus. Dort erkannten die Ärzte ihre Essstörung sofort. Sie wurde zwangsernährt und nach zwei Wochen weiter verwiesen in die Schön Klinik. Victoria verstand, dass sie krank war – sie wollte die Krankheit überwinden. Heute isst sie wieder ganz normal, sie tanzt und macht Leichtathletik wie früher –aber im richtigen Maß.
Anna geht seit zwei fast zwei Schuljahren nicht mehr in den Unterricht. „Zunächst fand ich den Lockdown gut, weil ich schon vorher ungern in die Schule gegangen bin. Doch als es weiterging mit Präsenz-Unterricht, war die Hemmschwelle fast unüberwindbar geworden“, erinnert sich die 14-Jährige. Anna zog sich immer mehr zurück, konnte ihre Ängste nicht einordnen, fühlte sich einsam und unverstanden. „Viele unterschätzen diese Krankheit, ich fühle mich oft sehr allein“, sagt sie.
Wie auch Victoria halfen Anna in der stationären Therapie vor allem die Einzelgespräche und die sogenannten „Expos“ – man exponiert sich, muss mit Unterstützung und Hilfe Aufgaben erledigen, die zuerst unüberwindbar scheinen. Bei Anna war das beispielsweise, allein Bus zu fahren, einkaufen zu gehen oder jemanden nach der Uhrzeit zu fragen. Solche Aufgaben zu schaffen, baut auf und macht Hoffnung. „Ich wünsche mir, irgendwann mal ein ganz normales Leben führen zu können und was mit meinen Freunden zusammen zu unternehmen“, sagt Anna. MATTHIAS BIEBER