Missbrauchsopfer radeln zum Papst

von Redaktion

Betroffene wollen Franziskus mit ihrem Schicksal konfrontieren: Thema aus der Tabuzone holen

München – „Ich mechat nach Rom fahrn.“ Dieser Wunsch von Dietmar Achleitner (80) stand am Anfang. Zum Papst wollte er fahren, mit dem Radl und mit anderen Missbrauchsopfern der katholischen Kirche. Achleitner, der im unabhängigen Betroffenenbeirat des Münchner Erzbistums ist, traf zunächst auf Skepsis – ein Riesenaufwand, wie soll das gehen?

Der 80-Jährige ließ sich nicht beirren – und nun starten am Samstag, 6. Mai, neun Missbrauchsopfer die gut 800 Kilometer lange Tour um 10 Uhr auf dem Münchner Marienplatz. Pfarrer Kilian Semel (56) und Richard Kick (66) vom Betroffenenbeirat sowie Robert Köhler (59), der als Ettaler Missbrauchsopfer das Projekt „Wir wissen Bescheid“ ins Leben gerufen hat, kümmern sich mit Achleitner um die Organisation. Das Erzbistum unterstützt finanziell und logistisch. Dass es keine Vergnügungsfahrt wird, versteht sich. Es ist eine Pilgerreise, die Anstrengungen erfordert, die auch eine Auseinandersetzung mit der Kirche bedeutet. „Wir brechen auf! Kirche, bist Du dabei?“ ist das Motto für die elf Etappen über Bozen, Rovereto, Verona und Assisi, bei denen die Radler bewusst die Öffentlichkeit suchen.

Die Gruppe will „der Gesellschaft und anderen Betroffenen zeigen: Wir stehen dazu, Betroffene zu sein“, betont Richard Kick aus Emmering im Kreis Fürstenfeldbruck. Das größte Problem der Betroffenen sei, dass sie sich so schämten für etwas, das ihnen angetan wurde. „Wir wollen Mut machen, sich ebenfalls zu melden und für sein Recht einzutreten.“ Viele meinten, „es bringt eh nichts mit der Kirche“, sagt Kick. Hier wollen die Pilger klar machen: Es ist wichtig, darüber zu sprechen und sich mit der Kirche auseinanderzusetzen. „Das Thema muss aus der Tabuzone geholt werden“, sagt Kick. Seit jeher würden Menschen ausgenutzt, mit Gewalt beherrscht, sexuell missbraucht. Es sei höchste Zeit zu sagen: „Jetzt nicht mehr!“

Dass in der Kirche solche Verbrechen geschehen seien, gehe zweimal nicht. „Sie war die moralische Instanz, an der so viele versucht haben sich zu orientieren. Jetzt stellt sich heraus, dass Millionen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf der Welt sexuell missbraucht worden sind.“ Mit diesen Verbrechen wollen die Radpilger, die zum Teil von Ehefrauen und Sympathisanten begleitet werden, auch Papst Franziskus am 17. Mai auf dem Petersplatz konfrontieren. 20 Minuten Zeit sind für die Begegnung vorgesehen. Die Betroffenen wollen Franziskus einen Brief übergeben und kurz mit ihm sprechen. Zudem werden Achleitner, Semel, Kick und Köhler dem Papst eine Skulptur eines rissigen, kantigen Herzens des Münchner Künstlers Michael Pendry überreichen. Das durchlöcherte Herz werden die Radpilger als Symbol ihres Leids auf dem Petersplatz auch auf ihren Poloshirts tragen.

Mindestens so wichtig wie die Begegnung mit dem Papst sind den Radlern die Stationen auf der Reise, denn hier wollen sie mit Menschen vor Ort ins Gespräch kommen. Sie freuen sich, wenn sich auf den Etappen solidarisierende Radler anschließen. Etwa auf dem ersten Weg vom Marienplatz zum Kloster Schäftlarn, wo am 6. Mai gegen 12 Uhr Abt Petrus die Gruppe auf der Wiese vorm Kloster empfangen will. Oder am Sonntag, 7. Mai, wenn der Tölzer Pfarrer Peter Demmelmair den Pilgern um 8 Uhr an der Stadtpfarrkirche einen Reisesegen spenden wird. Die Betroffenen wollen mit ihm auch über Pfarrer Peter H. sprechen, den Missbrauchstäter, der von 2008 bis 2010 Tourismusseelsorger in Tölz war.

„Da wollen wir schon was hören vom Pfarrer“, sagt Kick. Man sei gespannt. Missbrauchsfälle in Bad Tölz aus dieser Zeit sind bisher nicht bekannt. In Bozen, am 8. Mai, wird auch Kardinal Reinhard Marx zu den Pilgern stoßen und an einem Treffen mit dem dortigen Bischof Ivo Muser teilnehmen. „In Italien“, sagt Kick, „ist das Thema Missbrauch in der Kirche noch gar nicht angekommen.“ Mit den Radlern aus München kommt das Thema über die Alpen – bis nach Rom. CLAUDIA MÖLLERS

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