Manche Themen begleiten einen ein Leben lang. Bei Hans Well, der am Montag 70 wird, ist es die Atomkraft. Schon bei den Wackersdorf-Protesten war der frühere Chef der Biermösl Blosn, jetzt Kopf der Wellbappn, ganz vorne dabei im Widerstand. Ein Geburtstags-Gespräch über Markus Söder und Dieter Hildebrandt.
Welche Frage würden Sie einem Kabarettisten stellen, der 70 wird?
Hm. Vielleicht: Was sich verändert hat gegenüber der Zeit, als er angefangen hat?
Und? Was antworten Sie?
Die Kabarettisten und die Medienlandschaft! Als ich 1976 mit den Brüdern angefangen hab, gab’s einen unbestrittenen Ausnahme-Kabarettisten, Dieter Hildebrandt, den auch wir Biermösln sehr bewundert haben. Der Dieter hatte etwas, was ich heute bei vielen Kabarettisten vermisse: eine Haltung. Er war nie jemand, der dem Publikum nach dem Mund redet, der billige Witze macht.
Wie viel Hildebrandt steckt in Hans Well?
Ach, viel zu wenig. Er war einfach ein besonderer Mensch und für mich immer eine Autorität. Eigentlich bis zu seinem Tod. Nachdem die Blosn geplatzt ist, wir uns also aufgelöst hatten, hat er mich bestärkt, weiterzumachen. Für die ersten zehn Veranstaltungen mit den Kindern hat er sich extra freigehalten, um mit uns aufzutreten. Er fehlt.
Mit den heutigen Kabarettisten können Sie nicht viel anfangen?
Die Basis guten Kabaretts ist intelligenter Witz und Humor. Inzwischen gibt’s auch rechtes Kabarett, und viel unwitzigen Humor. Mir ist es zu billig, im Söder-Stil Witze übers Gendern zu reißen.
Was schaut Hans Well im Fernsehen?
Wenig und das mit abnehmender Begeisterung. Gute Satire lebt vom unerwarteten Witz. Am ehesten noch Böhmermann mit manchmal klug recherchierten Sendungen. Das erinnert mich an unsere Zeit an den Kammerspielen und im Residenztheater, als wir mit Hildebrandt, Gerhard Polt, Gisela Schneeberger und Otto Grünmandl Revuen zu konkreten Themen gespielt haben – mit fundierten Hintergrund-Recherchen. Als Kabarettist schadet eine gesicherte Ahnung nie.
Etwa zur Atomkraft.
Ein Dauerthema seit Jahrzehnten. Ich weiß noch, wie wir für den „Scheibenwischer“ ein Gespräch mit Ludwig Bölkow geführt haben, Gründer des Flugzeugherstellers und später erbitterter Gegner der Atomkraft. Die komme ihm vor wie ein Flugzeug ohne Landebahn, hat er gesagt. Damit war das ungelöste Atommüllproblem gut beschrieben.
Das Thema treibt Sie um. Waren Sie immer schon Atomkraft-Gegner?
Das kam durch Wackersdorf, wo Jung und Alt gegen die Atom-Fabrik demonstrierten. Ein Volksaufstand. Wir haben da oft gespielt. Atomkraft ist eine der unsichersten und teuersten Energieformen, wenn man das Müll- und Rückbauproblem hinzurechnet. Und nicht versicherbar! Wer das außer Acht lässt, den erkläre ich für verantwortungslos.
Im Moment sind 60 Prozent in Deutschland für Atomkraft. 60 Prozent Verantwortungslose?
Das kommt auf die Fragestellung an. Fragen Sie mal die Leute, ob sie ein eine Million Jahre strahlendes Atommüll-Endlager haben wollen. Und wir leben im Jahr 2023 nach Christi Geburt! Dann schaut das Ergebnis anders aus. Söder sagt: „Atomenergie ja, Atommüll nein, danke!“. Das ist schon sehr schlicht. Dagegen produzieren Erneuerbare gefahrlos und günstig. Wegen politischer Blockaden beim Netzausbau, fehlenden Speicherkapazitäten und Bürokratieabbau liegt Bayern weit zurück. Söder war das Parteiwohl wegen Windkraft- und Stromtrassenprotesten wichtiger als das Landeswohl.
Geht es bei Ihnen eigentlich immer nur gegen die Konservativen?
Mei, die regieren halt seit über 70 Jahren dieses Land. Gstandne Konservative wie den letztes Jahr verstorbenen Josef Göppel bewundere ich. Es gibt viele CSU-Kommunalpolitiker, vor denen ich Respekt hab. Wir spotten übrigens gerne über den Olaf Scholz von und zu Warburg. Bei den bayerischen Grünen habe ich oft das Gefühl, das ist eine grüne Werbeagentur. Ihnen fehlen Charakterköpfe wie früher der Sepp Daxenberger. In der Bundesregierung haben die Grünen jetzt einiges Richtige angestoßen.
Falls Sie die Heizungs- debatte meinen – mit was heizt die Familie Well?
Seit fünf Jahren mit einer Wärmepumpe, seit über 30 Jahren mit Wandheizung. Seit 20 Jahren mit Photovoltaik – Ost-West-Ausrichtung mit schon am Morgen selbst erzeugtem Strom. Eine Wärmepumpe ist für mich keine Verbots-, sondern eine Gebotspflicht.
Ist das nicht zu rigoros?
Ich versuche halt, für mich selber glaubwürdig zu sein. Wenn man gegen was ist, muss man auch für was sein, eine Lösung haben.
Was macht Hans Well, wenn er nicht auftritt? Geht er auf Twitter?
Na, des überlass i an Aiwanger. Ich lese jeden Morgen drei Zeitungen, den „Merkur“, die „SZ“ und die „taz“. Zeitungen liefern mit Abstand die beste Hintergrund-Berichterstattung. Wenn ich mich wirklich informieren will, sind seriöse Zeitungen alternativlos. Kurz mal digital abfragen, was so los ist, das macht anfällig für Verschwörungstheorien. Statt twittern zwitschere ich lieber mit meiner Enkelin ein Lied.
Es gibt Kabarettisten, die haben den Bayerischen Verdienstorden. Sie nicht.
Mir glangt der Bayerischen Verfassungsorden, weil der eine Ehrung des Landtages ist. Und die Bayerische Verfassung ist Weltklasse. Den Verdienstorden würde ich nicht annehmen, das ist ein Orden von Söders Gnaden. Dieter Hildebrandt hat einmal gesagt: Ihr Lob trifft mich nicht. Das trifft’s!
Das Gespräch führte Dirk Walter