Dumpstern, Containern oder Mülltauchen ist in Deutschland strafbar. Supermärkte als Eigentümer der aussortierten Lebensmittel geben ihren Anspruch darauf ja nicht auf – im Unterschied zu Leuten, die Spielzeug, Möbel und Bücher an den Straßenrand zum kostenlosen Mitnehmen hinstellen. Das Betreten eines abgesperrten Geländes ist Hausfriedensbruch. Wenn die Container mit Schlössern gesichert sind, heißt das: Gehört immer noch mir. Bricht man sie auf, kann das formaljuristisch als Sachbeschädigung und Diebstahl gewertet werden.
Wer Lebensmittel in die Tonne wirft, will sie nicht verschenken – das könnte sich ungut auf Verkauf und Gewinn auswirken. Manchmal weisen Supermarktbesitzer darauf hin, dass nicht alles, was in der Tonne landet, gesundheitlich unbedenklich ist. Wer ist verantwortlich, wenn aus dem Müll Getauchtes krank macht? All diese Fragen verdienen es, geklärt zu werden. So, wie es ist, kann es nicht bleiben. Mülltaucher bekommen zwar relativ niedrige Strafen. Aber das ist ein Herumdoktern am Symptom, keine Heilung der Verschwendung.
In Europa leben 80 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Jeder EU-Supermarkt wirft täglich 40 kg essbare Lebensmittel weg. In Frankreich, Italien und Tschechien ist das inzwischen verboten. Was übrig ist, muss gespendet werden. „Recht“ so! Bis diese Einsicht es in die Rechtsprechung geschafft hat, sorgen eine Vielzahl von Initiativen dafür, dass Lebensmittel fair ge- und verteilt werden. Auch Supermärkte und Bäckereien tun das Ihre, um Reste sinnvoll unter die Leute zu bringen. Brot und Semmeln gibt es ab 18 Uhr für die Hälfte.
Der Hofladen-Lieferservice, der uns Nahrung und Getränke ins Haus bringt, hat im Internet eine Rubrik „Rette Lebensmittel“. Da bekommt man einwandfreie Produkte für kleines Geld. Mein Biomarkt hat in allen Abteilungen einen Korb, in dem das, was ein bisschen schrumpelig oder nicht mehr ganz so lange haltbar ist, preiswert gekauft werden kann. Natürlich nehme ich mit, was ich brauche, und freue mich über günstige Einkäufe. Aber ganz wohl ist mir immer noch nicht.
Ich überlege mir jedes Mal, ob es in Ordnung ist, dass ich von den herabgesetzten Preisen profitiere. Was ist, wenn nach mir jemand ins Geschäft kommt, der es nötiger hat? Nehme ich ihm oder ihr etwas weg? Soll ich Paprika und Wirsing jetzt lieber liegen lassen, damit sie auf die „Richtigen“ treffen … Die, die den Laden betreiben, freuen sich über alles, was gekauft wird – egal von wem. Sonst wird es endgültig weggeworfen und es lohnt sich nicht einmal mehr, danach zu tauchen.
Alle Konsequenzen des eigenen Handelns zu durchdenken, ist mühsam. Vermutlich ist man niemals damit fertig. Aber das, wovon man profitiert, muss man nicht immer für sich selbst behalten.