München – Tränen über den Hausaufgaben und ein Heimweg voller Scham bei schlechten Noten: Schon in der Grundschule müssen Kinder mit emotionalem Druck umgehen – und verlieren daher oft die Lust am Lernen. Das kritisiert Pädagogin Katrin Lohrmann. „Die ersten Schuljahre sollten ein geschützter Raum sein, in dem Persönlichkeits- und Lernentwicklung gefördert werden“, fordert die Professorin für Grundschulpädagogik an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München.
„Die Grundschule ist ein Ort, der das Bild von Lernen prägt“, sagt Lohrmann. Zu Beginn der Grundschule gibt es keine Noten, zum Übertritt auf die weiterführenden Schulen Gymnasium, Real- oder Mittelschule schon. Was macht das mit den Kindern? „Wo es Noten gibt, gibt es Verlierer und Gewinner. Noten laden dazu ein, sich zu vergleichen und zu überprüfen, wo man in der Rangfolge der Klasse steht“, sagt Lohrmann. „Ihre Einführung sorgt daher bei vielen Kindern für Schwierigkeiten: Die negative Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten frustriert sie und führt vielfach zu schlechteren Leistungen.“
Dafür, dass manche Fähigkeiten mehr zählen als andere, entwickeln Kinder laut Lohrmann schnell ein Gespür. Und das schmerze. „Wenn sie merken, dass Lernen nur dazu dient, Prüfungen zu schreiben, verlieren die Inhalte und die Freude, sich mit ihnen zu beschäftigen, an Bedeutung.“
Das ist nur ein Grund, weshalb Pädagogen das System Übertrittszeugnis kritisieren. Der bayerische Elternverband bemängelt, dass für den Übertritt nur die drei Fächer Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachkunde ausschlaggebend sind. Bei einem Notendurchschnitt bis 2,33 empfiehlt das Kultusministerium das Gymnasium, bis 2,66 die Realschule und ab 3,0 die Mittelschule. Wer die nötige Anforderung nicht schafft, kann sich im Probeunterricht qualifizieren – in schriftlichen und mündlichen Aufgaben in Deutsch und Mathe. Viel Druck für Zehnjährige, die so die erste wichtige Weiche für ihr Leben stellen.
Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hält die Übertrittsregeln für zu starr und nicht altersgerecht: „Es geht uns nicht darum, die Ansprüche an Schüler und Leistung zu senken, sondern Schule und Leistungsfeedback zu modernisieren und individualisieren“, sagt Präsidentin Simone Fleischmann. Zudem sei das aktuelle System unfair: „Darin werden Kinder aus schwachen Familienverhältnissen und Kinder mit Migrationshintergrund systematisch frühzeitig zurückgelassen.“
Den Übertritt stärker vom Wunsch der Eltern abhängig zu machen, könnte laut Professorin Lohrmann aber ebenfalls soziale Ungleichheiten erhöhen. „Bildungsnahe Schichten schicken ihre Kinder dann aufs Gymnasium, bildungsferne nicht“, sagt sie. Nur länger auf Noten zu verzichten, greife zu kurz. „Man muss den Mut haben, Unterricht zu verändern“, so Lohrmann. Portfolios, also Referate, statt Proben zu schreiben, könnte ein Weg sein. „Die Kinder lösen diese Aufgaben so unterschiedlich, dass man sie als Lehrer erst gar nicht vergleicht.“ Wissen erarbeiten und präsentieren – statt auswendig lernen und auf ein Blatt Papier schreiben. Auch in der Digitalisierung sieht Lohrmann Chancen.
Trotz all der Kritik, die jedes Jahr zum „Grundschul-Abitur“ aufflammt: Das Kultusministerium bleibt auf Kurs. „Das Übertrittszeugnis bietet eine wichtige Einschätzung der Klassenlehrkraft über Stärken, Neigungen und Fähigkeiten sowie die zukünftige bestmögliche Förderung für die Schüler der ihr anvertrauten Klasse“, sagt Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Nach der vierten Klasse werde zwar eine erste Entscheidung getroffen, ein Wechsel zwischen den Schularten sei aber auch später noch möglich. Auch der bayerische Philologenverband, der die Lehrkräfte an Gymnasien und Beruflichen Oberschulen vertritt, befürwortet die Übertrittsregeln, die für ein höheres Leistungsniveau sorgen. sco/dpa