Der König der Miniaturwelten

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Dachau – Dieter Isemann sitzt in seinem Wohnzimmer und hantiert mit einer Pinzette an einem aufgeschnittenen Donut herum. Zwei Marmeladen-Klekse hat er bereits perfekt darauf arrangiert. Nun platziert der 62-Jährige kleine Bauarbeiter rund um den Donut. Dessen obere Hälfte wird gerade von einem Miniatur-Kran angehoben. Es ist vermutlich die köstlichste Baustelle Bayerns, die Isemann hier in seinem Wohnzimmer in Oberbachern im Kreis Dachau gerade inszeniert. Alles muss perfekt sein, erst dann holt er seinen Fotoapparat. Ein Miniatur-Arbeiter neigt sich zu weit nach vorne – das gefällt dem 62-Jährigen gar nicht. „Manchmal geht es nicht ohne Kleber“, sagt er und befestigt mit seiner Pinzette einen winzigen Klebepunkt unter der kleinen Figur. Jetzt ist Präzision gefragt. Es wäre zu ärgerlich, wenn davon später etwas auf dem Bild zu sehen wäre.

Nach einer guten Stunde ist alles so, wie Isemann es haben möchte. Er holt sein Stativ und den Blitz – dann beginnt sein Fotoshooting. Er macht ein paar Dutzend Bilder von seiner Donut-Baustelle – manchmal aus etwas weiterer Entfernung, manchmal ein bisschen mehr von oben. Später wird er sich auf dem Computer ansehen, was ihm am besten gefällt. Und vermutlich wird es ihm wieder mal schwer fallen, eine Auswahl zu treffen.

Das ist auch der Grund, warum in seinem Wohnzimmer kein einziges Bild an den weißen Wänden hängt. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, sagt Isemann und schmunzelt. Er hat in seinem Leben bestimmt 100 000 Fotos gemacht. Natürlich nicht nur von seinen Modellbaufiguren. Genauso gerne fotografiert er die Natur oder Menschen. Eine Weile lang hat er sich mal auf Taubenhäuser spezialisiert – mehr als hundert hat er in Oberbayern gefunden. Aber dann war das Projekt leider beendet. Und er musste sich nach einer neuen Herausforderung umsehen. Dabei ist er auf die Modellbaufiguren gestoßen. Ihm gefiel die Idee, sie mit Alltagsgegenständen zu fotografieren. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem ihm nicht eine Idee kommt.

Sie erwischen ihn überall: im Supermarkt, zu Hause beim Aufräumen – oder so wie mit dem Donut beim Bäcker. Seine Modellbaufiguren kauft Isemann auf Flohmärkten oder bei Ebay. Mit einem Schmunzeln nennt er sie gerne „seine kleinen Isemänner“. 1200 Stück hat er mittlerweile schon. Er hat sie in kleinen Boxen thematisch sortiert. Da gibt es die Sportler, die Bauarbeiter, Polizisten und natürlich etliche andere Berufe. Miniatur-Tiere, Fahrzeuge und allerhand weiteres, winzig kleines Equipment darf in seiner Sammlung natürlich nicht fehlen.

Mit ihnen hat er schon die witzigsten Motive kreiert. Kleine Waldarbeiter, die mit Kettensägen Buntstifte spitzen. Winzige Angler, die in einer Cola-Dose fischen. Ein Mann ist mit seinem Rasenmäher auf einer Zahnbürste unterwegs, eine Frau saugt mit ihrem Staubsauger über die Rillen einer Schallplatte. Seine Fotos stecken voller Kreativität und Herzblut. Er investiert in sein Hobby viel Zeit – und träumt insgeheim davon, irgendwann einen Kalender aus seinem witzigen Miniatur-Universum zu machen. Momentan sehen die Bilder nur seine engsten Freunde – und die Menschen, die ihm auf Instagram folgen. Dort lädt er fast täglich neue Motive hoch.

Auf seinem Handy hat er eine Liste mit Ideen, die er noch umsetzen möchte. Aktuell sind es 365 Einträge. Ein normaler Einkauf mit seiner Mutter reicht aus, um sie wieder um fünf bis zehn Ideen zu verlängern. Neulich hat er seine Einkaufsliste und die Zeit hemmungslos vergessen, als er vor einer Tafel Kuhflecken-Schokolade stand. Ihm war sofort klar: Daraus lässt sich etwas Lustiges machen. Vielleicht mit den kleinen Maler-Figuren, die zu seiner Isemänner-Sammlung gehören. „Ich möchte mit den Bildern kleine Geschichten erzählen“, sagt er. Wenn die Leute dabei noch schmunzeln müssen, umso besser. Er sagt: „Ein Lächeln ist für mich der schönste Applaus für meine Bilder.“

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